WAI-Info 2018/2 (Stand 7.4.2018, als PDF hier als Download verfügbar)

 

WAI-Info zum Ausbruch in der Tierhaltung Süderoog vom 21.3.2018

 

Auf der Hallig Süderoog, im nordfriesischen Wattenmeer, wurde am 21.3.2018 die Geflügelpest (Vogelgrippe) des Subtyps H5N6 festgestellt. Betroffen war eine Geflügelhaltung mit insgesamt 57 Hühnern, Puten, Enten und Gänsen (https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/V/_startseite/Artikel2018/I/180321_gefluegelpest.html).

Besonders tragisch: es handelt sich um hochgradig gefährdete Geflügelrassen, die dort im "Arche-Hof" vor dem Aussterben bewahrt werden sollten. Eine Rettung wenigstens eines Teils der seltenen Tiere durch Quarantäne wurde von den Veterinärbehörden bedauerlicherweise nicht versucht.

Es gibt in der mehr als 10-jährigen Geschichte der Geflügelpestausbrüche vom Subtyp H5 in Deutschland bisher keinen vergleichbaren Fall im Wattenmeer, einem der wichtigsten Rastgebiete für ziehende Wasservögel.

(Das "europäische" H5N6 ist unabhängig vom "asiatischen" H5N6 entstanden, wobei noch völlig unklar ist, wie und wo es dazu kommen konnte. Sicher ist nur, dass dies im Winter 2016/2017 geschehen sein muss und in Europa (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29381134).)

 

Kein Bezug zu Vogelzug

Wie inzwischen üblich wird auch in diesem Fall über einen Eintrag der Viren durch Wildvögel spekuliert. Konkret wurde von einem Politiker die Vermutung geäußert, dass der Ausbruch mit dem beginnenden Frühjahrszug zusammenhängen würde.

Infizierte Wildvögel sind allerdings durch das europaweite Wildvogelmonitoring im Wattenmeer nicht gefunden worden und auch sonst deutet nichts auf einen allgemeinen Seuchenausbruch bei Wildvögeln hin. Ein Bezug zum Vogelzug ist ebenfalls nicht zu erkennen, da es bereits im Winter isolierte Nachweise der Geflügelpest in Schweden, Dänemark, Bayern und den Niederlanden gegeben hatte.

Die Argumentation für Wildvögel als Virenverbreiter folgt also dem bekannten Schema: "Was soll es denn sonst gewesen sein?" Da alternative Möglichkeiten aber nicht untersucht werden, auch dann nicht, wenn es keinerlei konkrete Hinweise auf Wildvögel als Virenquelle gibt (wie im Fall der Hallig Süderoog), bleibt die Frage meist ohne Antwort.

Es gibt aber durchaus mögliche Alternativen. Wir wissen bisher sicher, dass bei Geflügelpest immer nur ein Teil des Ausbruchsgeschehens bemerkt wird - egal welche Hypothese gewählt wird. Nur in einem Teil der Fälle sind die Verbindungen zu erkennen. So folgten auf den ersten Ausbruch in einer holländischen Entenfarm am 7.12.2017 Funde toter, infizierter Vögel (v.a. Höckerschwäne, also Parkvögel) in der näheren Umgebung des Ausbruchs. Als dieser durch Keulung des Geflügels beendet war endeten kurz danach auch die Funde toter Parkvögel. Auch eine nicht kommerzielle Geflügelhaltung an einer Zufahrtsstraße zum Ausbruchsort in derselben Ortschaft wurde infiziert.

Wochen später wurden mehrere Ausbrüche in zwei nicht kommerziellen und zwei kommerziellen Geflügelbeständen bemerkt. Genetische Vergleiche belegen die enge Verknüpfung dieser Ausbrüche. Dieses Ausbruchsgeschehen spielte sich ausschließlich in den Niederlanden ab, und erreichte die Nachbarländer zunächst nicht. Dies ist ein wichtiges Indiz gegen Wildvögel als Verbreiter, die wohl kaum die Grenzen respektiert hätten. Es bedeutet aber auch, dass sich die H5N6-Viren lange unbemerkt in der Geflügelwirtschaft halten konnten. Es ist seit langem bekannt, dass die Zirkulation von Geflügelpestviren des Subtyps "H5" insbesondere bei Hausenten und Hausgänsen unauffällig und ohne deutliche Symptome verlaufen kann. Das lässt befürchten, dass sie auch in den Handel und in die Nahrung von Menschen und Haustieren gelangen konnten.

Dass der Ausbruch in einer niederländischen Entenfarm gewissermaßen eine Fortsetzung in England fand, dem Land, in das ein Großteil der niederländischen Hausentenproduktion exportiert wird, kann nicht überraschen. Dort waren auffälligerweise Parkgewässer betroffen, die von zahlreichen Menschen besucht werden, darunter eine "Swannery" mit hunderten auf relativ engem Raum gehaltenen Höckerschwänen und die Themse in London. Insbesondere tote Höckerschwäne wurden verbreitet gefunden und H5N6-positiv beprobt. Ein nicht zu übersehender Hinweis, dass die Viren letztlich durch Menschen verbreitet werden - auf welchem Wege auch immer.

Das Wildvogel-Monitoring an den Rastplätzen überwinternder Wasservögel blieb dagegen ergebnislos.

 

"Periphere" H5N6-Nachweise

Es gibt aber neben diesem zentralen, zusammenhängenden Ausbruchsgeschehen in den Niederlanden und England sozusagen periphere Nachweise von Wildvögeln. Zum einen drei scheinbar völlig isolierte Fälle in der Schweiz, in Bayern und der Slowakei und zum anderen tote Seeadler und Mäusebussarde entlang der Küsten von Nord- und Ostsee.

 

Funde an Gewässern neben Fernstraßen

Die Nachweise in der Schweiz (ein toter Höckerschwan am Bielersee), in Bayern (eine tote Tafelente bei Dachau) und der Slowakei (fünf tote Lachmöwen) erfolgten in weiten Zeitabständen und hunderte Km entfernt von anderen Funden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie an Gewässern liegen, die vom europäischen Fernstraßennetz berührt werden. Hier ergibt sich eine Parallele zum Ausbruchsgeschehen im Winter 2016/2017 als sich Funde von einzelnen infizierten Wasservögeln entlang der Autobahnen in Deutschland reihten. Eine Ausbreitung der Viren entlang von Verkehrswegen 2016/17 wurde auch aus Frankreich beschrieben. Die Vermutung liegt nahe, dass Transporte von (unbemerkt) infiziertem Geflügel auch in diesen Fällen zu der beobachteten sporadischen Freisetzung von Viren geführt hat.

 

Seeadler und Mäusebussarde

Tote Greifvögel mit H5N6-Infektion wurden gefunden in:

Irland (2 Seeadler aus einem Wiederansiedlungsprojekt, 1 Mäusebussard)

England (3 Mäusebussarde)

Dänemark (5 Seeadler, weiträumig in Küstennähe verteilt gefunden)

Schweden (1 Seeadler, 1 Mäusebussard) und

Finnland (1 Seeadler).

Möglicherweise sind auch vereinzelte tote Möwen hier einzuordnen.

Gemeinsam ist diesen Fällen, dass keine infizierten lebenden oder toten Wasservögel in der Umgebung gefunden wurden, die als Virenquelle in Frage kämen. Da die Seeadler sich unmöglich gegenseitig angesteckt haben können, eine Infektion also wohl nur über die Nahrung erfolgt sein kann, bleibt die offene Frage, wie die Vögel in Kontakt mit den Viren kommen konnten.

Seeadler ernähren sich opportunistisch u.a. von Fisch, Aas, Wasservögeln und anderen größeren Vögeln, Fleischabfall, usw.. Zur Beute gehören auch angeschossene Tiere oder auch Innereien von erlegtem Wild. Dies könnte gerade im Winter in den nordischen Ländern eine mögliche Infektionsquelle sein, da die Seeadler und Mäusebussarde auf diese Weise indirekt mit Menschen in Kontakt kommen.

Andererseits wäre auch nicht auszuschließen, dass ein Epidemie von Geflügelpestviren unter Meeressäugern auch Aasfresser trifft. Bisher gibt es keine Erkenntnisse über weit verbreitete Krankheiten bei Meeressäugern, abgesehen von ungeklärten Todesfällen bei Kegelrobben in der Ostsee.

Eine wirklich gründliche epidemiologische Untersuchung, insbesondere auch des Mageninhalts der toten Greifvögel, könnte hier wesentliche Erkenntnisse liefern.

Bisher unterbleiben solche Untersuchungen offensichtlich, weil man negative Auswirkungen auf Geflügelexporte in Drittländer befürchtet, falls die Ergebnisse nicht die These von den virenverbreitenden Wildvögeln stützen.

 

Das WAI meint:

Umfassende epidemiologische Untersuchungen bei allen Ausbrüchen sind dringend nötig um zu verhindern, dass Geflügelpestviren in weiteren Ländern endemisch werden. Die bisherige Bekämpfungsstrategie geht erkennbar an den Ursachen vorbei und kann - angesichts der in immer kürzeren Abständen wiederkehrenden Ausbruchsserien - nur als gescheitert bezeichnet werden.

Zum Umdenken gehört aber auch, dass die bisher mit der (erfolglosen) Eindämmung betrauten Institutionen von dieser Aufgabe entbunden werden. Diese Aufgabe sollten Einrichtungen übernehmen, die unabhängig von der Geflügelexportindustrie und der Politik agieren können.