Was ist geschehen?
Im Rahmen des laufenden Vogelgrippe-Monitoringprogramms des BVET wurden zwischen Anfang Januar und Ende März 2008 fast 320 Vögel gesammelt und beprobt. Dabei wurde am 19. Februar 2008 am Sempachersee eine Tafelente unbekannter Herkunft gefangen. Nachdem die Ente beringt und vermessen worden war, wurde ein kombinierter Rachen-/Kloakentupfer genommen. Der Vogel zeigte keinerlei Krankheitssymptome und wurde anschließend freigelassen. Die Probe wurde zu weiterer Untersuchung zum BVET geschickt.
Bei der routinemäßigen Kontrolle der im Rahmen des Programms gesammelten Proben auf Influenza-A-Viren mit Hilfe RT-PCR wurde im März 2008 bei der Probe der Tafelente ein positives Ergebnis mit einem CT-Wert von 30 gefunden. Anschließend wurde die Probe laut Aussage des BVET auf H5 und N1 ebenfalls positiv getestet. Damit waren 0,3% der Schweizer Wildenten-Proben des Jahres 2008 H5N1-positiv.

Wie ist dieser Fund zu bewerten?

Laboruntersuchungen zeigen, dass bei Enten Krankheitssymptome der Vogelgrippe erst nach mehreren Tagen sichtbar werden (KEAWCHAROEN 2008), so dass die Symptomfreiheit der Tafelente nur vorübergehend gewesen sein kann. Der Vogel kann sich kurz vor der Beringung angesteckt und kurz nach der Freilassung erste Symptomen gezeigt haben. Darüber hinaus ist wissenschaftlich nicht geklärt, ob Wildvögel die Viren überhaupt übertragen können.
Aus dem Fund lässt sich daher nicht ableiten, dass Wildvögel eine HPAI-H5N1-Infektion symptomlos überstehen und übertragen können.

Die bekanntgegebene Infektion wurde mit einem Real-Time PCR festgestellt. Mit dieser moderne Methode lassen sich kleinste Mengen der Viren-RNA nachweisen, aber auch bei vorschriftsmäßiger Anwendung kommt es in bis zu 5% der Fälle zu falsch-positiven Ergebnissen.
Die zuverlässigsten Ergebnisse liefert die PCR in der Phase eines exponentiellen und daher quantifizierbaren Anstiegs des Genmaterials, d.h. bei 12 bis 400 Ausgangskopien für ca. 30 Zyklen, bei 200 bis 3200 für 25 Zyklen und bei anfänglich 3200 bis 51200 für höchstens 20 Zyklen. Um immer am Anfang der exponentiellen Phase messen zu können, wird häufig der CT-Wert (=Threshold Cycle bzw. "Schwellenwert-Zyklus") angegeben, der den Zyklus beschreibt, an dem die Fluoreszenz erstmalig signifikant über die Hintergrund-Fluoreszenz ansteigt. Ein CT-Wert von 25-30 ist anscheinend die Grenze, an der sich falsch-positive von positiven Nachweisen trennen.
Positive PCR-Ergebnisse, sicherlich bei CT-Werten über 25, müssen deshalb grundsätzlich durch Kontrollen mit anderen Verfahren bestätigt werden, damit falsch-positive Ergebnisse ausgeschlossen werden können (NEUSSER 2001, ROCHE o.J., WILHELM 2005, WVDL 2008).

Ferner ist in der Infektiologie zwingend eine Bestimmung der Keimzahl erforderlich, um eine Infektion (=Eindringen von Mikoorganismen in einen Wirtsorganismus so wie Vermehrung und Reaktion des Wirts) sicher von einer Kontamination oder Kolonisation unterscheiden zu können. Selbst in der optimistischen Annahme, dass das Ergebnis immerhin richtig-positiv sein könnte: Infektiologisch ist es in jedem Fall wertlos. Nach Maßgabe infektiologischer Gesichtspunkte kann seriöser Weise selbst bei richtig-positiver RT-PCR ohne Hinzuziehung anderer Untersuchungsverfahren nicht einmal von einer Infektion der Ente geredet werden. Geschweige denn von einer asymptomatischen Infektion.


Laut Aussage des BVET wurde die schweizerische H5N1-Ente auschließlich durch PCR bestätigt, eine Kontrolle mit einer anderen Methode fand nicht statt. Der seitens des BVET behauptete Nachweis ist somit bereits auf Grund des CT-Wertes der angewandten RT-PCR fragwürdig, durch die PCR als einziges in diesem Fall angewandtes Untersuchungsverfahren ist der "Nachweis" obendrein, ganz unabhängig davon, wertlos.


Wie ist dieser Fund einzuordnen?

Die Schweizer H5N1-Ente befindet sich weltweit in Gesellschaft von sieben (!) weiteren gesund wirkenden Enten, die positiv auf HPAI H5N1 getestet wurden. In China wurden 6 symptomfreie, H5N1-infizierte "ziehende Wildenten" entdeckt (CHEN et al. 2006). Dieser HPAI-H5N1-Fund ist seit längerem diskreditiert, weil in der Untersuchung weder belegt wurde, dass die Proben tatsächlich von Wildenten stammten, noch dass die beprobten Wasservögel symptomfrei geblieben sind (MOOIJ 2006 & 2007, FEARE & YASUÉ 2006, PETERMANN 2006). Der siebte „Nachweis“ einer symptomfreien, H5N1-infizierten "ziehenden Wildente" stammt aus Ägypten. Die Meldung betrifft eine über Wochen im Käfig zusammen mit Hausgeflügel gehaltenen Krickente, deren Herkunft unbekannt ist (SAAD et al. 2007). Alle sieben bisher gefundenen „symptomfreien, H5N1-infizierten ziehenden Wildenten" sind also ganz offensichtlich äußerst fraglich.
In allen übrigen Fällen, in denen angebliche „Wildvögel“ positiv auf HPAI H5N1 getestet wurden, handelte es sich um tote bzw. sterbende Vögel. Diese Vögel konnten jedoch in den seltensten Fällen als echte Wildvögel betrachtet werden, da es sich in aller Regel unzweifelhaft um Zoo- bzw. Parkvögel handelte.
Demgegenüber stehen mehr als 350.000 Wildvögel, die auf HPAI-H5N1 untersucht wurden, aber bei denen die Proben negativ getestet wurden.
Hinzu kommt, dass bei einer Krankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird, das PCR-Testergebnis als falsch positiv gilt, wenn das Bakterium in Nährmedium nicht gezüchtet werden kann. Bei Krankheiten, die von Viren ausgelöst werden, wie z.B. H5N1, wird das PCR-Testergebnis jedoch selbst dann noch als richtig positiv gewertet, wenn die Anzucht des Virus in Nährmedien nicht gelingt. In solchen Fällen wird festgestellt, dass die PCR Fragmente des Viren-Erbgutes und damit das Vorhandensein des Virus nachgewiesen hat, aber die Fragmentierung bzw. die geringe Menge des Erbgutes eine Vermehrung in einer Nährlösung nicht zulässt.

Fazit

In Eurasien wurden seit 2005 bisher mehr als 350.000 lebende Wildvögel auf HPAI-H5N1 untersucht und als H5-frei getestet. Im selben Zeitraum wurden acht gesund wirkende Enten möglicherweise positiv auf HPAI H5N1 getestet (unter 0,002%). Bei diesen positiven Ergebnissen gibt es jedoch mehr Fragezeichen als Antworten. Darüber hinaus bleibt unberücksichtigt, dass bis zu 5% falsch-positive PCR-Ergebnisse normal sind und keine dieser „positiven“ Vögel zur Kontrolle mit einem alternativen Verfahren getestet wurde, weil auch die schwächsten PCR-Ergebnisse als Beleg einer vorhandenen Viren-Infektion betrachtet werden.
Damit sind diese Enten ein denkbar schwacher Beleg für die Hypothese, dass Wasservögel eine HPAI-H5N1-Infektion symptomlos überstehen und übertragen können.

Dr. Johan H. Mooij


Zitierte Literatur:

CHEN, H., SMITH, G.J.D., LI, K.S., WANG, J., FAN, X.H., RAYNER, J.M., VIJAYKRISHNA, D., ZHANG, J.X., ZHANG, L.J., GUO, C.T., CHEUNG, C.L., XU, K.M., DUAN, L., HUANG, K., QIN, K., LEUNG, Y.H.C., WU, W.L., LU, H.R., CHEN, Y., XIA, N.S., NAIPOSPOS, T.S.P., YUEN, K.Y., HASSAN, S.S., BAHRI, S., NGUYEN, T.D., WEBSTER, R.G., PEIRIS, J.S.M., GUAN, Y. (2006): Establishment of multiple lineages of H5N1 influenza virus in Asia: Implications for pandemic control.- PNAS 103(8): 2845-2850
FEARE, C.J., YASUÉ, M. (2006): Asymptomatic infection with highly pathogenic avian influenza H5N1 in wild birds: how sound is the evidence?- Virology Journal 3: 96
KEAWCHAROEN, J., VAN RIEL, D., VAN AMERONGEN, G., BESTEBROER, T., BEYER, W.E., VAN LAVIEREN, R., OSTERHAUS, A.D.M.E., FOUCHIER, R.A.M., KUIKEN, T. (2008): Wild Ducks as Long-Distance Vectors of Highly Pathogenic Avian Influenza Virus (H5N1).- EID 14(4): 600-607
MOOIJ, J.H. (2006): Vogelgrippe und Vogelzug.- www.bskw.de/tier/vogelgrippe.htm
MOOIJ, J.H. (2007): Vogelgrippe (Klassische Geflügelpest) und Zugvögel: Wie gefährlich ist H5N1? - Charadrius 43: 191-212.
Neusser, M. (2001): Schnelles Verfahren der PCR-Optimierung mit „Real-Time“-PCR. – BIOspectrum 7 (6/01) 539-541.
PETERMANN, P. (2006): Vogelgrippe und Vogelzug: Mehr fiction als science? – Eine kritische Analyse von aktuellen Veröffentlichungen.- Ber. Vogelschutz 43: 93-104.
ROCHE (o.J): PCR: Eine ausgezeichnete Methode. - http://www.roche.de/presse/Gene_und_Gesundheit.pdf?sid=3ac9fc2fc03f2655fd74bb45d43baaa1&sid=3ac9fc2fc03f2655fd74bb45d43baaa1.
SAAD, M.D., AHMED, L.S., GAMAL-ELDEIN, M.A., FOUDA, M.K., KHALIL, F.M., YINGST, S.L., PARKER, M.A., MONTEVILLEL, M.R. (2007): Possible Avian Influenza (H5N1) from Migratory Bird, Egypt.- EID 13(7): 1120-1121.
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