"Risikoeinschätzungen" des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) zum Auftreten von Vogelgrippe – seriöse Informationsquelle oder Instrument zur Täuschung der Öffentlichkeit?

 

(Ebenfalls als PDF zum direkten Download verfügbar)

 

Stellungnahme zur Risikoeinschätzung des FLI vom 25.11.2016

 

(Stand 30.11.2016, redaktionell überarbeitet am 7.12.2016)

 

Die Vogelgrippe ist wieder als Geflügelpest oder hoch-pathogene Aviäre Influenza = HPAI in Deutschland, und wie es scheint sind die Folgen schlimmer als bei früheren Ausbrüchen – für Wildvögel wie für Geflügel. In Deutschland hat das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) die Aufgabe, die Gefahr einer Einschleppung der Seuche aus dem Ausland einzuschätzen, ggfs. zu warnen und geeignete Maßnahmen zur Vermeidung vorzuschlagen. Dazu dienen unregelmäßig veröffentlichte "Risikoeinschätzungen".

 

Tatsächlich kam die Vogelgrippe trotz vom FLI durchgeführten Monitorings auch diesmal ohne offizielle Vorwarnung, obwohl es Anzeichen für das drohende Verhängnis bereits gab. Nun hat das FLI seine "Risikoeinschätzung" mit Datum vom 25.11.2016 überarbeitet und äußert sich zum Risiko, dass die Geflügelpest in Bestände von Hausgeflügel eindringen könnte und was gegebenenfalls dagegen zu unternehmen sei.

 

Diese Einschätzungen eines Bundesforschungsinstituts bilden die fachliche und rechtliche Basis für Bekämpfungs- und Eindämmungsmaßnahmen, also auch für Zwangsmaßnahmen gegen Geflügelhalter, soweit es durch Seuchenvorsorge im Interesse der Allgemeinheit erforderlich und gerechtfertigt ist.

 

Eine seriöse "Risikoeinschätzung" müsste die aktuelle Ausbruchs-Situation transparent darstellen, objektiv bewerten und die Folgen, die Verhältnismäßigkeit und Erfolgsaussichten von möglichen Maßnahmen abwägen.

 

Erhebliche Zweifel an der Seriosität der Risikoeinschätzungen des FLI gab es bereits seit dem Februar 2006 beim ersten Auftreten von Geflügelpest der Form H5N1 ‚Asia‘ in Deutschland. Das FLI stellte damals die durch nichts belegte These zur angeblichen Ausbreitung des Virus durch Wildvögel in den Vordergrund. Das Risiko eines Eintrages der Viren durch diese wurde als "hoch", das über den legalen oder illegalen Handel mit Geflügel und Geflügelprodukten als "gering" eingestuft.

 

Auch beim Auftreten von HPAI H5N8 im Winter 2014/2015 verwiesen die Risikoeinschätzungen auf die „Wildvogelthese“ und versuchten, diese mit Verweisen auf Literatur zu beweisen, was sich bei kritischer Analyse als grob fehlerhaft erwies[i]. Die wahrscheinliche Einschleppung der Viren durch internationalen Geflügelhandel mit Geflügelpest-Ausbruchsregionen in Übersee (damals Süd-Korea), die sich inzwischen gut belegen lässt, wurde dagegen vollständig ignoriert. Seit Oktober 2016 tritt abermals HPAI H5N8 in Europa auf und konnte sich im November 2016 nach Deutschland ausbreiten. Dass dies nicht rechtzeitig erkannt wurde, liegt unter anderem an den früheren Fehleinschätzungen, denn auf der „Wildvogelthese“ fußende Monitoringmaßnahmen können kein sinnvolles Frühwarnsystem ergeben, da der falsche Vektor untersucht wird, nämlich Wildvögel anstelle des Handels mit Geflügel und Geflügelprodukten sowie der Geflügeltransporte.

Am Beispiel der Risikoeinschätzung des FLI vom 25.11.2016 soll untersucht werden, ob das FLI aus seinen früheren Fehlern gelernt hat und die „Risikoeinschätzung“ nunmehr eine objektive, relevante Informationsquelle ist und somit eine solide Grundlage für weitere Maßnahmen.

 

Faktenbeschreibung: zur „Epidemiologischen Lage“

 

1. Fehler: Parkvogel, Zootier, Wildvogel – alles dasselbe?

Um mögliche Verbreitungswege der Viren zu erkennen ist es wichtig, zwischen Wildvögeln, Park- und Zoovögeln zu differenzieren. Letztere haben Kontakt zu Menschen. Für Berlin werden in der Aufzählung fünf „Wildvögel“ aufgeführt. Hierbei handelt es sich um Höckerschwäne, die auf einem innerstädtischen Gewässer gefunden wurde. Dort werden Wasservögel intensiv gefüttert, und in das Gewässer gelangen Abfälle von einem angrenzenden Wochenmarkt. Mit „Wildvögeln“ im epidemiologischen Sinne haben diese Höckerschwäne somit nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um gefütterte Vögel, und hierin ist auch die Ursache für die Infektion zu suchen. Dies betrifft übrigens Parkvögel weltweit, die in die Statistiken meist als „Wildvögel“ eingehen. Dieser für die Epidemiologie krasse Fehler führt daher dazu, dass nicht erkannt wurde, dass die Berliner Höckerschwäne – sofern kein Laborfehler beim Nachweis des Virus vorliegt – anzeigen, dass das Virus längst im Handel verbreitet sein muss. Eine andere mögliche Infektionsquelle als weggeworfene Lebensmittel ist in diesem Fall nicht erkennbar.

 

2. Fehler: Kein Hinweis auf eine Einschleppung aus Russland

Nach den Ausbrüchen von HPAI H5N8 2014/2015 verschwand das Virus aus Europa. Die jetzt grassierenden Viren gehören zu einer anderen, verwandten Variante. Es ist also eine neue Einschleppung aus Ost-Asien. Das FLI suggeriert, Zugvögel hätten das Virus durch Sibirien und Osteuropa bis Mitteleuropa getragen. Als angeblicher (und einziger) Hinweis darauf dient der Nachweis von ähnlichen H5N8-Viren bei Vögeln im russisch-mongolischen Grenzgebiet. Dabei nimmt es das FLI mit der Wahrheit nicht so genau: Die Viren seien "im Juni 2016 bei gesund erlegten Graureihern, Haubentauchern, Kormoranen, Seeschwalben, Enten und Lachmöwen im Rahmen eines aktiven Wildvogel-Monitorings nachgewiesen" worden. Tatsächlich waren die bereits im Mai 2016 beprobten Vögel tot aufgefunden worden, wie russische und andere Quellen belegen[ii]. Das passte offenbar nicht zur FLI-These, nach der infizierte Wildvögel die Viren verbreiten, ohne selbst Symptome zu entwickeln. Mit dieser Idee der omnipräsenten, sich jedoch dem Nachweis entziehenden Viren verlässt das FLI endgültig den Bereich seriöser Wissenschaft und flüchtet sich in Esoterik um eine haltlos gewordene Hypothese nicht aufgeben zu müssen. Tatsache ist: es gibt keinerlei Nachweise für eine Einschleppung der H5N8-Viren durch Wildvögel aus dem Osten, weder 2016 noch 2014. Die in Sibirien nachgewiesenen Viren können übrigens auch nicht die Vorläufer der aktuellen sein, da sie mehrere genetische Veränderungen zeigen, die weder bei früheren Viren noch bei den aktuellen vorkommen.

 

3. Fehler: Indien: wiederholte Ausbrüche in Hausentenbeständen mit Folgen für Parkvögel

Bei der Beschreibung des „massiven … Ausbruchsgeschehens mit hohen Mortalitätsraten sowohl bei Zoo- und Wildvögeln als auch Geflügel“ in Indien werden die Wildvögel hinzugedichtet: Tatsächlich gab es HPAI H5N8 in Geflügelhaltungen (überwiegend Hausenten) einem Zoo sowie einem Restaurant, aber nicht in Wildvögeln sondern in den Enten einer Parkanlage an dem Restaurant, die dort gefüttert werden. Auch hier ist anzunehmen, dass durch die Darstellung in der Risikoeinschätzung der Eindruck erweckt werden sollte, dass auch in Indien Wildvögel am Seuchengeschehen beteiligt sind. Übrigens befindet sich in der Nähe der massivsten Ausbrüche im Süden Indiens die Niederlassung eines großen deutschen Geflügelkonzerns – ein Hinweis auf eine Verbindung der Ausbrüche?

 

Von diesen Falschaussagen des FLI abgesehen wäre es für eine Risikoeinschätzung dringend erforderlich, bei den betroffenen Wildvögeln die jeweilige Vogelart und das mutmaßliche Todesdatum bzw. Funddatum anzugeben. Offenkundig nehmen Wildvögel das Virus häufig mit der Nahrung auf, und hierin unterscheiden sich die einzelnen Vogelarten sehr. Dies und das mutmaßliche Todesdatum würden eine wichtige Spur für Ermittlungen zur Frage ergeben, wie die Viren in die Natur gelangt sein können. Denn nach allen bisherigen Befunden im Freiland und im Labor sterben Wildvögel recht schnell sowohl an HPAI H5N1 als auch H5N8. Eine zeitnahe Nachforschung vor Ort könnte also Erkenntnisse bringen.

 

 

Interpretation: zur „Einschätzung der Situation“

 

4. Fehler: H5N8-Epidemie 2014/2015: nur gesunde Wildvögel infiziert?

 

Zum Geschehen 2014/2015 wird ausgeführt, dass H5N8 „nur vereinzelt bei gesund erscheinenden Wildvögeln (drei Stockenten, eine Krickente und eine Möwe) gefunden wurde“. Tatsächlich wurde damals auch eine Stockente tot gefunden und die Möwe krank aufgegriffen. Auch hier ist naheliegend, dass das FLI mit der Falschaussage seine Spekulation von „asymptomatischen Wildvögeln“ (s.u.) unterfüttern möchte. Für die geschossene mutmaßliche Krickente und zwei geschossene Stockenten wurden keine Befunde dokumentiert, so dass über ihren Gesundheitszustand keine Aussage möglich ist.

 

1. Spekulation: symptomlos infizierte Wildvögel?

 

„Möglicherweise symptomlos infizierte Wildvögel und solche, die sich in der Inkubationszeit befinden, sind weiterhin mobile Virusträger.“ Selbstverständlich können Wildvögel in der Inkubationszeit noch fliegen. Jedoch zeigt die Heftigkeit des Ausbruches im Freiland mit vielen in nur einem kurzen Zeitfenster gestorbenen Reiherenten, dass sich Inkubationszeit und Tod der betroffenen Vögel in einem sehr kurzen Zeitraum abspielen. In Laborversuchen starben infizierte Enten teilweise innerhalb von 24 Stunden. „Symptomlos infizierte Wildvögel“ sind jedoch eine haltlose Spekulation. Bei mittlerweile weltweit weit über 800.000 beprobten Wildvögeln wurde HPAI nur im Zusammenhang mit Geflügelpestfällen in der Geflügelwirtschaft gefunden. Nach den Ausbrüchen von H5N8 und H5N2 in den Niederlanden und den USA 2014/2015 konnten Wissenschaftler zeigen, dass sich die Viren danach nicht unter Wildvögeln nachweisen ließen[iii]. Zudem schränkt bereits niedrig pathogene Vogelgrippe (LPAI) bei Wildvögeln die Mobilität ein, erst recht ist dies dann von HPAI zu erwarten².

 

2. Spekulation: "beträchtliche Umweltkontamination" – reine Phantasie?

 

Die Wildvögel sollen zu einer „beträchtlichen Umweltkontamination“ geführt haben. Es bleibt völlig offen, wie das FLI zu dieser abenteuerlichen Behauptung kommt – tatsächliche Nachweise scheint es nicht zu geben. Diese Aussage soll vermutlich die an anderer Stelle getätigte Behauptung stützen, dass die „Virenlast in der Umwelt“ sogar abgeschottete Massentierhaltungen über das Belüftungssystem infiziert habe. Diese Spekulation ist allerdings haltlos. So halten sich Vogelgrippeviren in der Natur nicht lange. Sowohl UV-Strahlung als auch Wärme oder Trockenheit zerstören die Viren schnell. Demzufolge ist auch noch nie auf irgendwelchen Äckern HPAI nachgewiesen worden.

 

3. Spekulation:

 

Fliegt ein Schwan durchs Belüftungsrohr ... direkter Vireneintrag durch Wildvögel?

Für alle elf bis dato in Deutschland betroffenen Geflügelhaltungen hält das FLI den direkten Eintrag durch infizierte Wasservögel oder den indirekten Eintrag durch von diesen kontaminiertes Material (Schuhwerk, Fahrzeuge, Gegenstände) für die wahrscheinlichste Ursache. Dass (infizierte) Enten tatsächlich in eine Geflügelhaltung eindringen dürfte extrem selten vorkommen und kann die Zahl der Ausbrüche nicht erklären; in kommerziellen Stallhaltungen ist dies praktisch unmöglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in der Geflügelhaltung arbeitende Person kurz zuvor in den Kot eines infizierten Wildvogels getreten ist, ist extrem niedrig – zumal die vor allem infizierten Reiherenten ihren Kot im Gewässer abgeben … und einige der Haltungen weitab jeden Gewässers lagen. Eine (indirekte) Einschleppung durch Menschen ist dagegen in jedem Fall anzunehmen, allerdings eher mit Viren aus anderen Geflügelhaltungen als von Wildvögeln. Bekannte Risikofaktoren sind auch LKW-Transporte von Geflügelkadavern, die in der Massentierhaltung regelmäßig entsorgt werden müssen.

 

4. Spekulation:

 

Die Vermutung, dass die Viren „offensichtlich auf demselben Weg wie 2014 über Russland durch Wildvögel eingetragen wurden“ ist in doppelter Hinsicht spekulativ: Zum einen ist der naheliegendste Eintragsweg nach Europa im Herbst 2014 derjenige über Geflügelhandel zwischen Europa und Südkorea. Auch für die Einschleppung nach Europa im Jahr 2016 (zuerst Ungarn?) ist keine andere Erklärung als der Handel mit Geflügel, Geflügelprodukten oder Futtermitteln erkennbar. Weder 2014 noch 2016 gab es irgendwelche Nachweise von infizierten Wildvögeln auf dem Zugweg zwischen Sibirien und Deutschland.

 

Ergebnis: Zu „Schlussfolgerungen und Empfehlungen“

 

Wenn derartig viele Fehler und haltlose Spekulationen in der Bestandsaufnahme und Bewertung gemacht werden, kann das Ergebnis kaum zutreffend sein. Und tatsächlich zählen die Schlussfolgerungen ausschließlich Eintragsmöglichkeiten auf, die auf Kontaminationen durch Wildvögel zielen. In dieser ideologischen Darstellung werden die einzigen Hinweise auf die realistisch möglichen Verbreitungswege des Virus übersehen:

 

·         In Ungarn waren zu Beginn der Infektionswelle bereits Hausentenbestände infiziert. In diesen können HPAI-Viren über viele Wochen bis hin zu Monaten unerkannt zirkulieren, da Hausenten (anders als Hühner und Puten) nicht schnell an den Viren sterben und mitunter wenige Symptome zeigen. Zwischen dem Befall der ungarischen Geflügelhaltungen (spätestens Mitte Oktober, der dort am 19.10.16 gefundene Höckerschwan ist quasi ein Sentineltier hierfür) und dem offiziell festgestellten Ausbruchsdatum in der ersten Entenhaltung am 8.11.16 wäre ein Inverkehrbringen infizierten Geflügels und anderer Geflügelprodukte (Gülle und Kadaver als Dünger und Tierfutter) möglich gewesen. Fast alle ungarischen Exporte von Lebendgeflügel 2016 gingen nach Deutschland, Polen und Österreich - und dies sind sicher nicht zufällig die ersten Länder, in denen sich die Viren nach ihrem Auftauchen in Ungarn bemerkbar machten!

 

·         Die Berliner Höckerschwäne weisen auf kontaminiertes Geflügel im Handel hin.

 

Diese wahrscheinlichen Verbreitungswege des Virus werden in der „Risikoeinschätzung“ nicht einmal erwähnt!

 

Es ist daher festzustellen, dass die Risikoeinschätzung des FLI keine seiner Funktionen erfüllt: Die Öffentlichkeit wird nicht seriös über das Geschehen informiert, sondern es werden wichtige Informationen weggelassen und etliche Falschaussagen getroffen. Anstelle einer nüchternen Wahrscheinlichkeitsabschätzung werden hochspekulative Annahmen mitgeteilt, und die wesentlichen epidemiologischen Fakten übersehen. Entsprechend ungeeignet sind die „Empfehlungen“, da sie auch künftig ein Eindämmen des Seuchengeschehens nicht möglich machen werden. Diese Bewertung muss leider auf die meisten Risikoeinschätzungen des FLI seit Februar 2006 zutreffen.

 

Daher ist dringend zu empfehlen, andere Einrichtungen mit der Hoheit über die Bestandsaufnahme der Daten, die Auswertung der Befunde, die epidemiologische Deutung und die Aussprache von Empfehlungen zu betrauen, und die Rolle des FLI auf die Labordiagnostik zu beschränken. Die dort erhobenen Daten müssen unverzüglich veröffentlicht werden.

 

 

 



[i] http://wai.netzwerk-phoenix.net/images/Vogelgrippe_Steiof_Mooij_Petermann_2015_VoWe135_131-145

[ii] http://www.fsvps.ru/fsvps/news/17341.html

https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/534405/poa-avian-flu-russia.pdf

[iii]Krauss, S., et al. (2016): The enigma of the apparent disappearance of Eurasian highly pathogenic H5 clade 2.3.4.4 influenza A viruses in North American waterfowl.- Proc. Nat. Acad. Sci. USA 113(32): 9033–9038

Poen, M.J., et al. (2016): Lack of virological and serological evidence for continued circulation of highly pathogenic avian influenza H5N8 virus in wild birds in the Netherlands, 14 November 2014 to 31 January 2016.- Euro Surveill. 21(38): pii=30349. DOI: http://dx.doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2016.21.38.30349