Aus: Schwäbische Zeitung Nr. 112 Vom 15. 05.2008


Expertenstreit

Die Vogelgrippe fällt wohl nicht vom Himmel

LINDAU - Zweimal sind Millionen Zugvögel seit den letzten Vogelgrippefällen über Deutschland und Europa geflogen. Trotzdem gibt es keine neuen Infektionen, auch nicht am Bodensee. Während die Behörden dennoch an der Theorie festhalten, dass Wildvögel an der Verbreitung der Seuche schuld sind, fordern Tierschützer, den Stallzwang für Nutzgeflügel aufzuheben.
Von unserem Redakteur Michael Lehner

Über 25 000 Wildvögel wurden nach dem Höhepunkt der Seuchen-Hiobsbotschaften in den letzten Monaten bundesweit untersucht. Ergebnis: Kein einiger Nachweis des HPAI H5N1-Virus. Noch im ersten Halbjahr 2007 war der Erreger bei 326 Wildvögeln festgestellt worden. Baden-Württemberg ist sogar seit dem Mai 2006 ohne neue Vogelgrippefälle. In Bayern wurden seit August 2007 keine weiteren Wildtierinfektionen nachgewiesen. Zuletzt waren dort nicht Zugvögel, sondern zwei große Mastentenhöfe betroffen. Für Kritiker der amtlichen Schutzmaßnahmen sind solche Zahlen ein klarer Beweis dafür, dass die Gefahr von der Massengeflügelhaltung und vom früher wenig kontrollierten Welthandel mit Geflügelprodukten und Fleischabfällen oder gar Hühnermist ausgeht. Es sei deshalb Unsinn, die artgerechte Freilandhaltung von Geflügel weiter zu erschweren.

Schweiz lehnt Stallpflicht ab

Als Zeugen nennen Tierschutz- und Umweltverbände auch das schweizerische Bundesamt für Veterinärwesen. Dort sahen die Experten bereits im letzten Winter keinen vernünftigen Grund, Nutzgeflügel einzusperren: „Zur Stallpflicht“, wie sie am bayerischen und baden-württembergischen Bodensee-Ufer gilt, „gab es keinen Anlass“, sagte Amtsprecher Marcel Falk in einem Interview. Er fürchtet, dass vielmehr der Handel mit Geflügel und Geflügelprodukten das Hauptrisiko sein könnte. Falk sagt auch, dass der Bodenseeraum zu einem „Kompetenzzentrum“ für die Vogelgrippeforschung geworden sei. 30 Wissenschaftler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich arbeiten beim Forschungsprojekt „Constanze“ zusammen. Sie sollen auch die Übertragungswege der Vogelgrippe klären. Endgültige Antworten gibt es bisher nicht. Auch nicht auf die Frage, warum im Winter 2006 allein am schweizerischen Bodenseeufer 32 am Virus verendete Wildvögel gefunden wurden – und danach kein einziger mehr. Das „Wissenschaftsforum Aviäre Influenza“ (WAI), ein Zusammenschluss kritischer Tiermediziner, Biologen und Landwirte, hat Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer jetzt in einem offenen Brief aufgefordert, die Vogelgrippepolitik seines Hauses zu ändern: „Es besteht kein begründeter Zweifel mehr, dass keiner der Ausbrüche bei Geflügel 2007 durch infizierte Wasservögel verursacht wurde. Die generelle Stallpflicht ist deswegen aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen. Die Mehrzahl der Ausbrüche 2007 wurde durch legalen Handel mit infiziertem Geflügel und Geflügelprodukten verursacht.“

Auf über 20 Schreibmaschinenseiten haben die WAI-Leute Beweise dafür zusammengetragen, dass die Virus-Übertragung von Nutzgeflügel auf Wildvögel weit wahrscheinlicher sei als die vom Bundeslandwirtschaftsministerium vertretene Zugvogeltheorie, an der auch Bayerns Verbraucherminister Otmar Bernhard festhält: „Deutschland ist inzwischen wieder als seuchenfrei eingestuft. So erfreulich das vor allem für Exporteure ist, gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Die Vogelgrippe grassiert unvermindert in Asien, und Zugvögel fliegen praktisch immer über Bayern. Daher ist eine Einschleppung des Erregers jederzeit möglich.“

Wie in Bayern und sonst in Deutschland müssen auch baden-württembergische Geflügelzüchter die Behörden informieren und strenge Kontrollauflagen erfüllen, wenn sie in seuchenfreien Gebieten wieder zur Freilandhaltung übergehen. Karin Ulich, Tierärztin aus Sigmarszell und WAI-Wortführerin im Bodenseegebiet:
„Die Geflügelpest-Verordnung besteht weiterhin und damit die grundsätzlich herrschende Stallpflicht. Selbst zur Zeit, da die Vogelgrippe in Deutschland erloschen ist, müssen viele Halter ihr Geflügel einsperren. Eine sinnlose Tierquälerei und Schikane mitten im blühenden Frühling!“

Protestbrief an Seehofer

Frau Ulich erinnert dazu etwa an den schlagzeilenträchtigen Fall eines Bio-Bauern aus Sachsen, dessen freilaufende Gänse gesund blieben, während in direkter Nachbarschaft in einem Stall gehaltene Puten von der Vogelgrippe dahingerafft wurden. Die Beispiele reichen von rätselhaft bis skandalös – wie letztes Jahr die Verschleppung von bereits amtlich bekannten Vogelgrippe-Viren aus einer tschechischen Mästerei in eine bayerische Geflügelfarm.

In ihrem Protestbrief an Minister Seehofer verlangen die aufmüpfigen Veterinäre Konsequenzen auch im bundesweit federführenden Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das die Risiken der Virusverschleppung durch legalen Geflügelhandel eben erst als „vernachlässigbar“ einstufte: „Wir möchten hiermit unsere Empörung über die aktuelle Risikobewertung des FLI zur aviären Influenza zum Ausdruck bringen. Diese Risikobewertung erfüllt in der vorliegenden Form in keiner Weise die Anforderungen, die an eine wissenschaftlich seriöse, verantwortungsbewusste Risikoanalyse zu stellen sind.“

Anfang März 2006 herrschte am Bodensee Alarmstimmung: Nach dem Fund verendeter Wildvögel , die mit dem Virus infiziert waren, wurde – wie hier in Überlingen – der Fundort großräumig desinfiziert. Seit Monaten aber ist kein neuer Fall mehr aufgetreten.

 

SZ-Foto: Anja Köhler


Kommentar
Menschen, die sich ein wenig in der Natur auskennen, zweifeln schon länger an der amtlichen Theorie, dass sich die Hühner-Virusgrippe mit den Zugvögeln ausbreitet. Mittlerweile sind solche Zweifel offensichtlich.


[In gleicher Ausgabe:]

Zugvögel-Märchen werden fragwürdig

Von unserem Redakteur Michael Lehner

Als es mit den Vogelgrippe-Schlagzeilen begann, verbreitete sich das tückische Virus gegen die Hauptflugrichtung der Zugvögel. Vogelkundler wendeten zudem ein, dass ein derart schwer erkranktes Tier nie und nimmer ein paar Tausend Kilometer fliegen könne. Dennoch blieben die Behörden bei der bequemen Theorie, dass am Unglück die Natur schuld sei – und nicht etwa die Menschen, die sogar mit Kadaver und Hühnermist rund um den Globus handeln. Nun, da über Jahrzehnte vernachlässigte Kontrollen von Handelswaren und Handelswegen einigermaßen greifen, ist die gefährliche Grippe in Europa weitgehend besiegt, obwohl die Zugvögel weiter ihrer Wege fliegen. Womöglich hat das auch mit der Stallpflicht zu tun: So konnte Mastgeflügel wenigstens die frei lebenden Artgenossen nicht anstecken.

Zumindest als Zwischenbilanz ist die Feststellung gerechtfertigt, dass nichts dafür spricht, den Bauern, die ein Herz für ihre Tiere und die Wünsche anspruchsvoller Verbraucher haben, die Freilandhaltung auch nur einen Tag länger zu verbieten. Auch im Sinne der Stallpflicht-Erfinder, die sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit einer handfesten Blamage zusteuern. Hinter allem Krisen-Aktionismus bleibt ohnehin die wesentliche Frage verborgen: Wieviel Aberwitz aus Menschenhand verträgt die Natur, bevor sie sich zur Wehr setzt?