Fachleute aus Österreich, der Schweiz und Deutschland referierten bei einer Tagung zu den Projekten „Constanze“ und „WuV“ („Wildvögel und Vogelgrippe“) im Juni 2008 in Bregenz. Es ging um die Forschungsarbeit ihrer grenzüberschreitenden Projekte rund um den Bodensee und andere Gewässer, die von Wasservögeln frequentiert werden. Eineinhalb Jahre lang wurden Wildvögel auf ihren Wegen beobachtet und auf Influenzaviren getestet. Man kann ihnen nun bescheinigen, dass sie sich von Hausgeflügel fern hielten, und nur harmlose Typen (low pathogen, LPAI) trugen, wenn sich vorübergehend Aviäre Influenza-Viren finden ließen.

Zu den Ergebnissen der Tagung veröffentlichte „Vetimpulse“ (Ausgabe 14, 14.–15. Juli 08, S. 4) die Meinung der Tierärztin Karin Ulich:

Statt Wildvogelbeobachtung:
Besser Industrietransporte akribisch prüfen

Einschleppungsrisiko „mäßig“ – diesen Status nennt die letzte Risikobewertung des Friedrich-Löffler-Institutes (FLI) zur Vogelgrippe sowohl für „innergemeinschaftliches Verbringen“ als auch für „Wildvögel“. Letztere dürften sogar „eher selten“ die Ursache sein, sagen grenzüberschreitende Forschungsprojekte. Anlass für einen Meinungsbeitrag: Der benennt – ganz unbotmäßig – unkontrollierte Transporte von Eintagsküken, Schlachtgeflügel oder Geflügelabfällen als Virenüberträger.

Von Karin Ulich, Lindau

Eine Einschleppung ist „selten“? Ich stutze. Meines Wissens ist weltweit kein einziger Fall wissenschaftlich fundiert belegt, bei dem Hausgeflügel von Wildvögeln angesteckt wurde. Meist blieb im Dunkeln, woher der Eintrag in eine Hausgeflügelhaltung erfolgte. Wenn der Weg aber nachgezeichnet werden konnte, führte er ohne Umwege in andere Hausgeflügelbestände,. In der Regel in intensive, gut von der Umwelt abgeschottete , industrielle Anlagen mit „Bio-Security“.

Meine These: Das Wildvogel-Monitoring lenkt vom eigentlichen Schlachtfeld ab, von eben diesen Massentierhaltungen.
Tausende dauerhaft gestresste, immunschwache Hybrid-Geflügel in düsteren Hallen, eng aufgestallt, bieten sich als Spielwiese für mutationsfreudige Viren förmlich an - und das entspricht auch den Erwartungen der Wissenschaft für Virusdrift und –shift. Noch vor wenigen Jahren warnte FLI-Leiter Prof. Dr. Thomas Mettenleiter vor „explosionsartiger Vermehrung“, wenn das Vogelgrippe-Virus in einer Massentierhaltung auftauchen sollte. Heute sagt der Leiter der für den Tierseuchenschutz zuständigen Bundesbehörde weder dies, noch weist er auf das Risiko hin, Dass H5N1-Asia sich in Enten- und auch Hühnerbeständen vorübergehend gut verstecken kann. Dabei bestätigen die Europäischen Geflügelpest-Ausbrüche des letzten Jahres das eindrucksvoll.

Kleiner Wildvogel in der Lüftung?

Zunächst wurde der gefürchtete H5N1-Asia-Typ aus Ungarn gemeldet, anschließend war Europas größter Putenmäster Matthews mit seinen Anlagen in Suffolk, England, betroffen. Das Virus war genetisch identisch mit dem Ungarischen, dennoch musste lange „ein kleiner Vogel aus Ungarn, der in die Lüftung gerutscht ist“ als Überträger herhalten. Von FLI-Seite wurde die Wildvogel- These sogar dann noch eine Weile vertreten, als die zuständige englische Behörde „Defra“ den legalen Handel als Übertragungsweg entdeckt hatte: Jede Woche brachten LKWs aus der betroffenen Ungarischen Region Schlachtkörper zur Weiterverarbeitung nach Suffolk!

Als nächstes erregte im Juni 07 in Tschechien (Tisova ) ein H5N1-Asia-Ausbruch Aufsehen:
In einem Gebiet mit intensiver Geflügelhaltung fand man das Virus zuerst in Putenställen. Dann kam heraus, dass auch Hühnerställe infiziert waren – ohne, dass dies anhand klinischer Symptome oder einer außergewöhnlichen Mortalität aufgefallen war. Ein fränkischen Schlachthof hatte aus dieser Gegend zuvor Hühner nach Bayern importiert. Die wurden – normal und legal in Europa - vor dem Transport nicht auf HPAI untersucht. Schließlich gilt das Dogma: Im Stall gehaltene Hühner können nicht asymptomatisch sein, weil die Vogelgrippe für sie innerhalb weniger Tage tödlich ist. Also muss man sie vor der Schlachtung auch nicht auf Viren testen.

Vogelschiss im Strohballen?

Dann schlug die Vogelgrippe in einem Bayerischen Entenmaststall der Firma Wichmann zu.

Das FLI und die Behörden konstatierten: Auslöser könne nur der Schiss eines Wildvogels gewesen sein, der mit einem Strohballen in den Bestand gelangt sei.
Wirklich? Rund um diese „Bio-Security“-Anlage wurden schon lange alle Wasservögel konsequent ferngehalten. In den folgenden Tagen fand man auch in anderen Wichmann-Ställen über Bayern verstreut bei symptomlosen Mastenten den H5N1-Asia-Erreger - eng verwandt mit dem tschechischen Virustyp. Etwa 400 000 Tiere wurden getötet. Dennoch waren gefrorene, infizierte Enten bereits im Handel, wie man an getesteten „Rückstellproben“ herausfand. Wie lange die Infektion unentdeckt blieb, ist und bleibt ein großes Geheimnis.

Virus überlebt in Tiefkühlenten

Gab es daraufhin Warnungen vor Kauf und Verzehr, oder dem sonstigen Umgang mit Gefriergeflügel? Immerhin handelte es sich um das Virus, vor dessen großen Pandemie-Potential für den Menschen unermüdlich gewarnt wurde.
Nein. FLI-Präsident Dr. Mettenleiter erklärte, das Virus sterbe beim Erhitzen auf 70° ab und sei nicht gefährlicher als Salmonellen (sind Salmonellen, diese verbreiteten Lesensmittelvergifter, überhaupt ungefährlich, wenn sie jährlich alleine in Deutschland weit mehr Menschen töten, als die Vogelgrippe in fünf Jahren weltweit dahingerafft hat?).
Ein Teil der Ware wurde zurückgerufen, doch es wurde „nicht ausgeschlossen“, dass infizierte Produkte im Handel blieben. Weihnachten zeigte sich dann, dass das Virus offenbar ein halbes Jahr lang in Gefriergeflügel überdauert hatte: Als Ursache von H5N1-Asia-Ausbrüchen in drei kleine Hühnerbeständen in Brandenburg nahm das FLI rohe Abfälle gefrorener Enten an, die an die Hühner verfüttert worden waren. Die genetische Analyse ergab eine extrem enge Verwandtschaft der Viren mit denen des Ausbruchs in Bayern im Sommer 2007.

Ich schließe daraus: HPAI H5N1-Asia zirkulierte im vergangenen Jahr über längere Zeit unbemerkt in großen, abgeschotteten Geflügelbeständen, kann über Transporte verbreitet werden und mit Geflügelprodukten in den Handel gelangen.


Wie geht der Staat mit diesem Risiko um?
Das FLI und die für Landwirtschaft und Verbraucherschutz verantwortlichen Politiker haben im Oktober 2007 unbeirrt die Stallpflicht für Geflügel in der Geflügelpest-Verordnung festgeschrieben, um den Eintrag des Virus durch Wildvögel zu verhindern. Nur mit Ausnahmeregelungen, die von lokalen Behörden nach Gutdünken ausgesprochen oder entzogen werden können, darf Hausgeflügel frei laufen. Kostspielige Sicherheitsauflagen wie Schutzeinrichtungen gegen Wildvogelkontakt und regelmäßige Untersuchungspflicht auf Influenzaviren führten und führen dazu, dass zahllose Freilandgeflügelhalter aufgegeben haben oder um ihre Existenz kämpfen. Die Großbetriebe aber bleiben von der Pflicht regelmäßiger virologischer Routine-Untersuchungen verschont, obwohl es inzwischen weltweit viele Fälle gegeben hat, in denen selbst Hühner asymptomatisch waren.
Dass Abfälle aus Geflügelhaltungen weiterhin unter freiem Himmel gelagert oder auf Felder ausgebracht werden dürfen, ist angesichts der proklamierten Gefahr durch H5N1 ein Hohn.

Kann Stallpflicht bösartige Mutationen verhindern?

Weil die Seuchenforscher inzwischen wisse, dass ihre Wildvogeltheorie auf dünnem Eis steht, rechtfertigen sie die Stallpflicht nun anders. So verweisen FLI-Vertreter auf die harmlosen LPAI-Viren und behaupten, durch eine Stallpflicht könnten bösartige Mutanten verhindert werden.
Während beim Monitoring von über 400 000 Wildvögeln weltweit kein einziger asymptomatischer Wildvogel mit H5N1 Typ Asia gefunden wurde, beharren Politiker weiter hartnäckig (und wider besseres Wissens?) darauf: Wildvögel verbreiten H5N1. „Die Vogelgrippe grassiert unvermindert in Asien, und Zugvögel fliegen praktisch immer über Bayern. Daher ist eine Einschleppung des Erregers jederzeit möglich“ sagte der bayerische Verbraucherminister Otmar Bernhard noch im Mai 2008.
Es bleibt also dabei:
Forschungsgelder fließen reichlich, um die Wildvögel als vermutete Täter zu beobachten, anstatt die Transporte und Importe von Eintagsküken, Eiern, Schlachtgeflügel und Geflügelabfällen akribisch unter die Lupe zu nehmen. Denn damit würde man sich mit mächtigen Lobbyisten anlegen – Deutschland ist Weltmeister bei der Zucht von Hybridgeflügel.

Die Strategie, gesundes Geflügel zu töten und zu vernichtet wird von vielen energisch abgelehnt.. Viele Geflügelhalter und auch Tierärzte fürchten sich vor grausamen Keulungs-Aktionen wie im Sommer 2007 bei Rudolstadt in Thüringen, als eine zahme Gans eines Behindertenheims positiv getestet wurde. Bei Nacht und Nebel zog im Umkreis von 3 km ein Tötungskommando von Haus zu Haus und brachte auf teils qualvolle Weise (mit T61, das nur unter Narkose zugelassen wäre!!) das gesamte Hausgeflügel um. Hinterher stellte sich heraus, dass kein einziges dieser 1200 Opfer infiziert war. Dieses Desaster hätte vermieden werden können: Es war unnötig und rechtlich umstritten. Das schreckliche Trauma aber war nicht wieder gut zu machen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn auf Anordnung einer Behörde ihre geliebten Haustiere sinnlos umgebracht würden?
In Deutschland schießen immer mehr Geflügelmast-„Fabriken“ förmlich wie Pilze aus der Erde. Jeder Tierarzt weiß, dass mit jedem Stall ein neues Seuchenrisiko entsteht, unbehelligt von ausreichenden Routine-Untersuchungen auf Geflügelpest-Erreger. Gleichzeitig wird weiterhin auf der unseligen Stallpflicht beharrt. Wie viele Federtiere sind bereits durch den Entzug von Sonne und Weide krank geworden oder gestorben, wie viele kommerzielle Freilandhalter standen und stehen vor dem Ruin, weil die Legeleistung dramatisch nachgelassen hat oder die Reproduktion von Wassergeflügel nicht funktioniert!
Wie unabhängig sind die von der Regierung als Wissenschaftler bezahlten Experten wirklich?

Das erinnert mich an das Märchen von „des Kaisers neuen Kleidern“: Aus Angst, als dumm zu gelten, wagt niemand zu sagen, dass er den unsichtbaren Stoff nicht sieht. Es wird Zeit, dass mehr Tierärzte sagen, was sie sehen.

VetImpulse