Wichtiger Hinweis: Der Offene Brief ist hier als PDF abrufbar. Die Liste der Unterstützer im Anhang des Briefs wird regelmäßig ergänzt bzw. aktualisiert.

Liste der Adressaten des Offenen Briefs (wird regelmäßig ergänzt):

Herr Alexander Bonde, Bündnis 90/Die Grünen, Agrarausschuss des Bundesrates
Herr Helmut Brunner, CSU, Agrarausschuss des Bundesrates
Ausschuss Ernährung Landwirtschaft Verbraucherschutz
Frau Bärbel Höhn, MDB, Bündnis 90/Die Grünen
Frau Kirsten Tackman, MDB, Die Linke
Frau Madelaine Martin, Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen
Herr Johannes Remmel, Bündnis 90/Die Grünen
Frau Ulrike Hoefken, Bündnis 90/Die Grünen
Frau Nicole Maisch, MDB,Bündnis 90/Die Grünen
Herr Peter Löwisch, Die Linke
Frau Renate Künast, MDB, Bündnis 90/Die Grünen
Herr Sigmar Gabriel, MDB, SPD
Frau Ursula Schmidt, MDB, CDU
Herr Wolfgang Reimer, Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg
Frau Katharina Wolfhard, Zentralverband der Geflügelwirtschaft

 

Offener Brief

Die Tötung ganzer Geflügelbestände wegen positiver Testung auf harmlose Influenzaviren ist nach Auffassung des WAI nicht "Seuchenprävention", sondern unnötiger Aktionismus.

Am 8.10.2014 sind 1.500 gesunde Geflügeltiere, der gesamte Bestand des Arche- und Naturland-Hofes in Laer, getötet worden, weil bei einer verendeten Pute ein Influenza-Erreger nachgewiesen worden war. Im vergangenen Dezember führte ein ähnlicher Nachweis auf einer Farm im Schwarzwald dazu, dass alle Straußenvögel, obwohl klinisch gesund, getötet wurden. Die ökonomischen Konsequenzen für die betroffenen Bauernfamilien sind beträchtlich. Die genannten Fälle sind nur zwei Beispiele von vielen.

In Laer wurde die Keulung vollstreckt, noch ehe der Erreger als harmloses Grippe-Virus vom Typ H5N2 identifiziert worden war. Dieser Virus-Typ ist gering pathogen, führt also schlimmstenfalls zu einer leichten Erkrankung bei Geflügel. Nur hoch pathogene Virus-Typen lösen die so genannte Geflügelpest aus. Die verendete Pute kann unter einer anderen oder einer zusätzlichen Krankheit gelitten haben. Eine wenige Tage dauernde Quarantäne hätte gegebenenfalls eine Übertragung auf anderes Geflügel verhindern können. Danach hätte einer weiteren Nutzung der Tiere nichts im Wege gestanden.

Menschenleben waren nie gefährdet. Nur die Infektion mit hoch pathogenen Grippe-Viren kann unter ungünstigen Umständen und in seltenen Fällen zu Erkrankung oder Tod führen. Dieser Gefahr zu begegnen, ist die moderne Labor-Diagnostik schnell genug.

Es ist weder hinnehmbar, dass Tiere wie Wegwerfartikel behandelt werden, noch dass der Nachweis harmloser Grippe-Viren zur Keulung führt.

 
Entsprechende Änderungen der Geflügelpest-Verordnung und der zugrunde liegenden EU-Verordnung sowie Anweisungen an die staatlichen Untersuchungsämter sind überfällig, damit endlich dort angesetzt wird, wo wirklich Gefahren lauern - in den Ställen der Massentierhaltung. Es ist nicht hinnehmbar, dass die von der Intensiv-Tierhaltung ausgehenden Gefahren akzeptiert werden. Nach aktuellen Angaben der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA erkrankten 2012 in der EU 305.302 Menschen an einer Campylobacteriose oder Salmonellose. Eine der Hauptursachen dafür ist Kontakt mit oder Verzehr von Geflügel-Produkten. Fast die Hälfte der Betroffenen musste stationär behandelt werden, 92 von ihnen starben. Die tatsächliche Zahl  Todesfälle ist höher, weil nur für die Hälfte der gemeldeten Infektionen Berichte über Folgen vorliegen. Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung begünstigt nach Angaben des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung BfR die Resistenz-Entwicklung und Ausbreitung von Bakterien mit Resistenzen. Resistente Bakterien reichern sich in Millionen von Tieren an, sammeln weitere Resistenz-Gene und gelangen über Mist und Gülle auf die Äcker. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus dieser Quelle neue resistente Erreger freigesetzt werden. Last but not least: Die Spuren der Intensiv-Tierhaltung im Grundwasser werden in Zukunft zu weiteren Schließungen
von Trinkwasserbrunnen führen.
 

Das WAI hat zahlreiche Dokumentationen zu Geflügelpest-Ausbrüchen ausgewertet. Daraus ergibt sich, dass die intensive Haltung von Tieren die häufigste und wichtigste Ursache der Entstehung und Verbreitung hoch pathogener Erreger ist. Stand der Wissenschaft ist, dass die  hohen Besatzdichten in solchen Betrieben Mutationen bei Erregern fördern, die auch für Menschen gefährlich sein können. Regelmäßig werden auch in Intensiv-Haltungen  niedrig pathogene Erreger nachgewiesen. Der Versuch, Bestände von natürlicherweise vorkommenden, harmlosen Erregern zu isolieren, ist offenkundig zum Scheitern verurteilt.

Der Gesetzgeber weiß dies offensichtlich. Die widersinniger Weise alleine Freiland-Haltern auferlegte Verpflichtung, Bestände regelmäßig auf Grippe-Viren hin testen zu lassen, wurde mit der Novellierung der Geflügelpest-Verordnung im Mai 2013 abgeschafft. Umso unverständlicher ist, dass Geflügel-Halter, die nicht kommerzielle Labore nutzen, sondern vertrauensvoll Proben an staatliche Untersuchungsämter senden, davon ausgehen müssen, dass dort ungefragt nach Grippe-Viren gesucht und bei einem Nachweis die Keulung eingeleitet wird.

Die Unterzeichner fordern die politischen Entscheidungsträger auf, beim Nachweis niedrig pathogener Grippe-Erreger von epidemiologisch unsinnigen  und ethisch verwerflichen Tötungen klinisch gesunder Tiere abzusehen.
 
Die politisch Verantwortlichen sollten sich bei ihren Entscheidungen einzig von den vorhandenen wissenschaftlichen Befunden leiten lassen.
 
Das Geschäftsinteresse der Produzenten so wie der (unterstellte) Bedarf an "billigem" Fleisch und Geflügel vermögen die Produktionsmethode Massentierhaltung angesichts der Risiken nicht zu legitimieren.  
 
Aus der Verpflichtung, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, ergibt sich  unmittelbar die Notwendigkeit, Bedingungen in der landwirtschaftlichen Produktion zu fördern und zu gewährleisten, die die Gesundheit der Tiere in den Vordergrund stellen. Die von hoch pathogenen Erregern, Antibiotika-Resistenzen und Umweltschäden ausgehenden Gefahren ernst zu nehmen würde bedeuten, nicht mehr primär Geschäftsinteressen, sondern Menschen zu schützen.

Eine angemessene Risikoprävention ist nur sichergestellt durch Vermeidung von Produktionsmethoden, die Krankheiten begünstigen. Ausschließliche Stallhaltung kann dies nicht gewährleisten.


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Katinka Schröder (Pressesprecherin)






Neben dem Vorstand des WAI unterstützen folgende Personen das Anliegen dieses Schreibens (die Liste wird unter www.wai.netzwerk-phoenix.net regelmäßig ergänzt):

Dr. Friedhelm Berger, Agrarwissenschaftler (Neu-Wulmstorf und Karlsruhe)
Dr. Wolfgang Epple, Biologe (Schiltach)
Prof. Dr. med. Klaus Hamper, Pathologe (Welle)
Dr. med. vet. Rosemarie Heiß, Tierärztin (Fredersdorf)
Priv.-Doz. Dr.rer.nat.habil. Hans-Wolfgang Helb, Zoologe (Kaiserslautern)
Dr. med. vet. Anita Idel, Mediation & Projektmanagement Agrobiodiversität (Feldatal)
Corinna Orthey (Eisenach)
Elisabeth Petras (Hamburg)
Dr. Silke Sorge, Biologin (München)
Julia und Sybille Stöckmann, Speckenhof (Bönen)
Karin Ulich, Tierärztin (Sigmarszell
Prof. Dr. Sievert Lorenzen, Vorstandsvorsitzender von PROVIEH VgtM e.V. (Kiel)
Dr. med. vet. Eva Maria Dämmer
Kirsten Tönnies, Tierärztin
Dr. vet. med. Burkhard Bauer