Schreiben vom 02.05.2006

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Sehr geehrte Leser,

seit dem Auftreten der Geflügelpest (hochpathogene Vogelgrippe, HPAI) in Deutschland besteht eine allgemeine Verunsicherung gegenüber Wildvögeln. Verbreiten Zugvögel die Geflügelpest? Diese Frage ist ganz entscheidend.

Dazu gibt es zwei Positionen:

  • Wären Wildvögel (bzw. Zugvögel) kein Reservoir, dann hieße das, dass dem Auftreten im Freiland (wie z.B. auf Rügen und in Süddeutschland) vom Menschen verursachte Austräge des Virus aus dem Bereich der Geflügelhaltung vorausgehen müssen. Denn dort ist HPAI „zu Hause“. Es hieße aber auch, dass sich Maßnahmen gegen den möglichen Eintrag durch Wildvögel (z.B. auch Einstallungen von Hausgeflügel) auf einen kürzeren Zeitraum beschränken können. Denn im Freiland ist das Virus nicht sehr lange überlebensfähig. Da die Inkubationszeit nur wenige Tage beträgt, stirbt ein infizierter Vogel rasch oder entwickelt ausreichend Antikörper und wird wieder gesund. In beiden Fällen verschwindet das Virus aus der Wildvogelpopulation.

  • Wären Wildvögel hingegen doch ein Reservoir für HPAI, dann könnte die Geflügelpest immer wieder im Freiland auftreten, und wir müssten tatsächlich über langfristige Strategien gegen mögliche Einträge durch Wildvögel in den Bereich der Geflügelhaltung nachdenken. Es bliebe uns die Geflügelpest in Mitteleuropa vielleicht sogar für Jahre erhalten.

Im Januar/Februar 2006 habe ich auf einer ornithologischen Reise Süd-Korea und Hongkong besucht. In Ostasien kursiert das derzeitig für die Geflügelpestausbrüche verantwortliche H5N1-Virus seit 10 Jahren. Entsprechende Erfahrungen mit der Seuche liegen dort vor. Ich habe nach Gesprächen mit dortigen Ornithologen die Auffassung gewonnen, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass Wildvögel ein Reservoir für die Geflügelpest sein können. Zurück in Deutschland wurde ich mit der gegenteiligen Auffassung konfrontiert, die sich auch das behördlich zuständige Friedrich-Löffler-Institut zu Eigen gemacht hat. Die Politik handelt überwiegend entsprechend, und noch nach dem Seuchenausbruch in dem sächsischen Geflügelbetrieb wies Herr Seehofer als Verursacher auf Wildvögel hin.

Ich hatte mich mit drei über das Internet verbreiteten Schreiben an der Diskussion beteiligt. In diesen Schreiben hab ich auf die geringe Wahrscheinlichkeit der Übertragung durch Wildvögel hingewiesen und mögliche Alternativen aufgezeigt. Auf vielfache Anfragen hin habe ich sie an diese Seite angehängt. Diese Schreiben beinhalten vielfältige Informationen und Anregungen zum Thema, auch Hinweise auf Literatur und andere Internetseiten. Ich habe die Schreiben der Authentizität willen unverändert gelassen.

Zusammengefasst sind es folgende Gründe, die eine Beteiligung von Zugvögeln an der Ausbreitung von HPAI so unwahrscheinlich werden lassen:

1. Die sprunghafte Ausbreitung innerhalb Asiens nach Westen und von Asien nach Europa folgt den Handelswegen und nicht irgendwelchen Vogelzuglinien, zumal viele Sprünge außerhalb der Vogelzugzeiten (und von Geflügelhaltung zu Geflügelhaltung) stattgefunden haben. Auch nach Deutschland gibt es keine Korrelationen zum Vogelzug. Gegenteilige Interpretationen von WHO und FLI sind reine Spekulationen, die nicht durch ornithologische Befunde gedeckt sind.

2. Die meisten sterbenden Vögel verenden an Ort und Stelle (der mutmaßlichen Infektion) bzw. fliegen noch maximal ein paar 100 km. Nicht erkrankende, aber infizierte Vögel, können das Virus für ein paar Tage ausscheiden. Dann müsste aber bald eine Neuinfektion erfolgen, wenn die Seuche wieder ausbrechen sollte. Dies ist im Freiland nicht oder kaum erfolgt. Vielmehr verschwindet die Seuche im Freiland recht schnell wieder.

3. Bei den Ausbrüchen im Freiland gibt es keine Ausbreitungsfächer der Seuche. Dies wäre aber zu erwarten, wenn Zugvögel das Virus transportieren.

4. Bisher ist keine Zugvogelart bekannt, die das Virus ohne Erkrankung über einen längeren Zeitraum transportieren kann. Entweder stirbt der Vogel oder er überlebt, in beiden Fällen ist das Virus nach ein paar Tagen verschwunden.

5. Das Virus kann sich im Freiland außerhalb des Wirtes nicht sehr lange halten (bei höheren Temperaturen nur wenige Tage, bei Kälte ein paar Wochen).

6. Weltweit werden praktisch keine gesunden Vögel mit HPAI gefunden werden (bei mittlerweile weit über 100.000 beprobten Wildvögeln nur 6 Enten am Poyang-See in Südostchina, von denen man annehmen kann, dass sie sich kurz zuvor infiziert hatten).

7. In den Ländern mit Millionen aus Asien einwandernder Zugvögel im letzten Winter sind praktisch keine Ausbrüche im Freiland festgestellt worden. Wenn aber Zugvögel an der Westausbreitung (quer zu ihrer Hauptzugrichtung) beteiligt sein sollten, hätte es zu Hunderten von Seuchenausbrüchen in den asiatischen Überwinterungsgebieten kommen müssen - da, wo sie tatsächlich hinziehen.

8. Die Geflügelpest macht vor Ländergrenzen halt (z.B. Japan, Süd-Korea, Malaysia, Phillippinen, Australien). Ausschlaggebend sind somit Einfuhrkontrollen und der Umgang mit den Geflügelhaltungen in den einzelnen Staaten, nicht aber Zugvögel, die Staatsgrenzen normalerweise ignorieren.

9. Wildvögel unterliegen der natürlichen Selektion, so dass von HPAI betroffene Individuen keine größeren Überlebenschancen haben.

Eine zusammenfassende Darstellung des Themas für die „Berichte zum Vogelschutz“ (Herausgeber: Deutscher Rat für Vogelschutz) ist in Vorbereitung.

Ganz kurz zu meiner Person: Ich bin Landschaftsplaner, arbeite in einer Naturschutzbehörde im Bereich Artenschutz und lebe in Potsdam. Seit 30 Jahren beobachte ich Vögel und befasse mich auch international intensiv mit Fragen des Vogelzuges und Vogelschutzes.

Klemens Steiof

Chen, H. et al. (2006): Establishment of multiple sublineages of H5N1 influenza virus in Asia: Implications for pandemic control. – PNAS 103 (8): 2845-2850.
http://flu.org.cn/upfile/attachment/0511120103v2.pdf

Gilbert, M. (2006): Free-grazing Ducks and Highly Pathogenic Avian Influenza, Thailand. – Emerging Infectious Diseases 12 (2): 227-234.
http://www.cdc.gov/ncidod/EID/vol12no02/05-0640.htm

Hulse-Post, D.J. (2005): Role of domestic ducks in the propagation and biological evolution of highly pathogenic H5N1 influenza viruses in Asia. – PNAS 102 (30): 10682-10687.
http://www.flu.org.cn/upfile/attachment/0504662102v1.pdf

Außerdem zwei Online-Abstracts zu:

Kou, Z. et al. (2005): New Genotype of Avian Influenza H5N1 Viruses Isolated from Tree Sparrows in China. – Journal of Virology, Dec. 2005: 15460-15466.
http://jvi.asm.org/cgi/content/abstract/79/24/15460

Sturm-Ramirez, K.M. (2005): Are Ducks Contributing to the Endemicity of Highly Pathogenic H5N1 Influenza Virus in Asia? – Journal of Virology, Sept. 2005: 11269-11279.
http://jvi.asm.org/cgi/content/abstract/79/17/11269

Feare, C.J. (2006): Fish farming and the risk of spread of avian influenza.
www.birdlife.org/action/science/species/avian_flu/index.html