Schreiben vom 15.03.2006

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Schreiben vom 15.3.2006

Die Vogelwarte Radolfzell scheint nun mit Tafel- oder Reiherente den möglichen Fernüberträger der Geflügelpest im Freiland gefunden zu haben (Spiegel online vom 9.3.06). Wohlgemerkt, den Vogel, auf den die Asia-Variante des H5N1-Virus nicht hoch pathogen wirkt, und der sie deshalb über weite Strecken und längere Zeiträume unentdeckt (ohne Krankheitsausbrüche unterwegs) transportieren kann.

Die einzige Untersuchung zu Vögeln im Freiland, die hierfür als Unterstützung herangezogen werden kann, und auf die sich der in Spiegel online erwähnte „Science“-Beitrag bezieht, ist die von Chen et al. (2006). Es lohnt sich, diese Veröffentlichung genauer anzusehen (Inhaltswiedergaben in blauer Schrift):


13.115 Kotproben von Zugvögeln (inclusive 4.674 Enten) wurden zwischen 2002 und 2005 in Hongkong (n=6.005) und Poyang (n=5.358) gesammelt. Dabei wurden insgesamt 44 Influenza-A-Viren sechs verschiedener Subtypen gefunden (0,34 %), nur 6 Proben hiervon der hoch pathogenenen „Asia-Variante“. Letztere wurden nur in Poyang festgestellt.

Die 6 Proben mit HPAI (hoch pathogener Vogelgrippe) wurden am Poyang-See (Südost-China) bei 2 Probenahmen im Januar und März 2005 von gesund erscheinenden Enten kurz vor ihrem Abzug („apparently healthy migratory ducks … just before their migration north“) isoliert. Dies stellt 0,1 % der dort beprobten Vögel dar.

Das Überleben dieser Vögel wird damit erklärt, dass sie sich vielleicht erst mit einem harmlosen H5-Virus infiziert, gegen diesen Antikörper gebildet haben, und dadurch möglicherweise besser gegen die hoch pathogene Variante geschützt waren.

Die Vögel von Poyang mögen sich bei Hausgeflügel in den Überwinterungsgebieten in Süd-China infiziert haben.

Es wurden in Poyang zwei verschieden Genotypen des Virus gefunden („Z“ und „V“).
Die meisten von versuchsweise mit diesen Viren kontaminierten (Labor-)Enten überlebten (Gänse starben) und schieden das Virus bis zu 7 Tagen auch aus. Hieraus wird geschlussfolgert, dass die Möglichkeit besteht, dass ziehende Enten das Virus beherbergen und weit verbreiten können.


  • In Poyang wurden bei den 6 Vögeln im Freiland 2 verschiedene Genotypen von H5N1 gefunden. Sollte das Virus innerhalb der Vogelpopulation (welche Entenart war infiziert, oder waren es mehrere?) weitergegeben werden, wäre von einem identischen Virentyp bei den einzelnen Vogelindividuen auszugehen. Dieser Umstand weist eher auf eine kurz vorher erfolgte Infektion durch aus verschiedenen Quellen ausgebrachte Viren hin. Nach Johan Mooij (per e-mail) ist der in der Trockenzeit stark austrocknende Poyang-See ein wichtiges Reisanbaugebiet, in dem auch mehrere Geflügelfarmen liegen, in denen zu der Zeit H5N1-Ausbrüche zu verzeichnen waren.

  • Unter 6.005 Proben in Hongkong wurde nicht eine einzige mit dem hochpathogenen Erreger gefunden, obwohl dort Zugvögel überwintern, die durch verschiedene betroffene Gebiete in Ostasien ziehen. Das zeigt, dass kein maßgeblicher Vektor bei den Zugvögeln existieren kann. Zusammen mit den in Poyang isolierten Proben waren weniger als 0,05 % der Vögel Träger von HPAI. Und diese wurden vermutlich kurz vorher infiziert.

Die Ähnlichkeit von Gensegmenten der im Januar und März in Poyang gefundenen und der beim Krankheitsausbruch in Quinghai (nördliches Zentral-China, Mai 2005) isolierten Viren weist deutlich darauf hin, dass die Enten das Virus über große Distanzen transportieren können (ca. 1.700 km).

  • Die Zugvogelbewegungen in China spielen sich überwiegend in Nord-Süd-Richtung ab, nicht jedoch in Ost-West-Richtung. Poyang ist Überwinterungsplatz für Vögel aus Nordostasien und der vorwiegend östlichen Mongolei. Zugbewegungen zwischen Poyang und Qinghai sind nicht bekannt (Martin Williams per e-mail). Somit spricht auch nichts dafür, dass das Virus von Januar/März 2005 bis Mai 2005 durch Zugvögel von Poyang nach Qinghai gebracht wurde. Ein Krankheitsausbruch in den mutmaßlichen Durchzugs- und Brutgebieten der 6 Enten (also ca. nördlich von Poyang) ist nicht bekannt geworden. Und niemand weiß, ob die Vögel noch lange gelebt haben.

Ferner wurden in Süd-China seit 2004 51.121 Proben von gesund erscheinendem Geflügel (auf Märkten) genommen. 3.051 (6,0 %) wurden mit Influenza-Viren gefunden, darunter 512 (1,0 %) mit hoch hoch pathogenen H5N1.

Bei 69 in China und 52 in Indonesien, Malaysia und Vietnam sequenzierten Viren wurden regional unterschiedliche Varianten gefunden („regionally distinct sublineages“), die die langfristige Endemie in diesen Regionen belegen. Wesentlicher Mechanismus hierfür ist die Übertragung durch Geflügel.
Eines der in Vietnam im Mai 2005 isolierten Viren war verschieden von den vorher (aber nach 2003) in Vietnam und Thailand gefundenen, aber identisch mit den in der chinesischen Provinz Guangxi im Mai 2005 gefundenen. Hieraus wird ein Transport durch Geflügel geschlussfolgert.
Die Vielfalt der Genotypen des Virus in einigen südchinesischen Provinzen spiegelt die Transportwege von Geflügel wieder.

Es wird geschlussfolgert, dass der beste Weg um die Seuche zu bekämpfen darin liegt, Maßnahmen an der Quelle anzusetzen, am gehaltenen Geflügel. Frühe Erkennung und umfassendes Schlachten der betroffenen Tiere war in Süd-Korea, Japan und Hongkong erfolgreich.


  • Die Ausbildung von Endemismen spricht gegen die These der Verbreitung von H5N1 durch Zugvögel. Die verschiedenen regionalen Varianten („sublineages“) in Südchina werden als Nachweis für einen anhaltenden Endemismus gesehen. Es ist auch wenig plausibel, dass neue Regionalvarianten durch Zugvögel induziert werden. Dieses scheinen die Autoren selbst erkannt zu haben, da sie die Vielfalt der in den Tierhaltungen vorgefundenen Genotypen und Varianten („sublineages“) als Ergebnis der Transporte von Geflügel zwischen den Provinzen ansehen. Bemerkenswert ist die hohe Durchseuchung des Hausgeflügelbestandes. Für Thailand wird die Erhaltung und Verbreitung des Virus auch durch frei weidende Hausenten angenommen (Gilbert 2006).

Die Arbeit von Chen et al. wird als Beleg für die Ausbreitungsmöglichkeit des Virus im Freiland durch Wildvögel gewertet. In der Tat verstärkt sie aber die Zweifel an dieser These.

Zwei weitere Untersuchungen beinhalten Aussagen zur Übertragungsfähigkeit der HPAI durch Stockenten (Hulse-Post et al. 2005, Sturm-Ramirez et al. 2005). Diese sind jedoch im Labor durchgeführt worden, was mit Freilandbedingungen nicht vergleichbar ist (v.a. physiologische Belastung der Wildvögel). Übrigens wird aus diesen Arbeiten gerne zitiert, dass Enten das Virus bis zum 17. Tag nach der Infektion ausscheiden können, was eine Verdoppelung bis Verdreifachung bisher ermittelter Werte bedeutet. Die Autoren sagen selber, dass dies offenbar darauf zurückzuführen ist, dass die Enten mit einem Gemisch an Viren infiziert wurden. Und während sich der Organismus zunächst mit dem häufigsten Virus auseinandersetzt, kann ein anderer Virustyp nach Tagen die Oberhand gewinnen und so zu einem verzögerten Infektionsverlauf führen. Im Freiland wäre hingegen von der Infektion mit einem Virentyp auszugehen, weshalb der Krankheitsverlauf dort wesentlich schneller sein müsste.

Die Arbeit von Kou et al. (2005) weist verschiedene H5N1-Viren in Feldsperlingen nach. Diese sind in Südchina Standvögel und können daher kaum in die Übertragungswege eingreifen.

Was bleibt noch an der Vermutung, Zugvögel transportieren das Virus über große Entfernungen? Nicht viel, sie ist nach wie vor äußerst unwahrscheinlich. Es ist bis jetzt keine Vogelart nachgewiesen worden, die das Virus transportiert, ohne selber daran zu erkranken. Wenn es zu einem Krankheitsausbruch im Freiland kommt, sterben die Vögel innerhalb kurzer Zeit. Wobei über den Anteil der infizierten, aber nicht erkrankten Vögel offenbar (noch) keine Aussage getroffen werden kann. Dem Virus fällt es scheinbar schwer, im Freiland in einen Vogelorganismus einzudringen, denn der Anteil der erkrankten Vögel an den insgesamt in dem jeweiligen Gebiet vorhandenen Vögeln ist meist recht gering. Das Virus verschwindet jedoch so oder so. Folgeausbrüche nach mehreren Wochen oder Monaten sind noch nicht beschrieben worden.
Die völlig mangelhafte Übereinstimmung der Ausbreitungswege von HPAI von Asien nach Europa (und Afrika) und dem Vogelzug hat Johann Mooij (per e-mail) detailliert dargelegt.

Dies und auch weitere Fragen lassen die These von (nicht selbst erkrankenden) Zugvögeln („Kaskaden-Enten“) als Vektoren noch unwahrscheinlicher werden:


  • Warum kommt es nie zu Folgeausbrüchen? Wenn das Virus in einer Wildvogelpopulation überleben sollte, müssten diese auftreten.

  • Warum gibt es entlang der Zugwege des potenziellen Fernüberträgers keine Krankheitsausbrüche? Ganze Streumuster von Kranheitsausbrüchen wären zu erwarten.

  • Warum werden im Freiland keine Träger des Virus festgestellt (bis auf die 6 oben genannten Enten, die sich vermutlich gerade infiziert hatten)? Und das bei mittlerweile weit über 100.000 getesteten Proben (Martin Williams per e-mail).

  • Warum wurden dort, wo die Zugvögel aus Asien tatsächlich zu Millionen hinfliegen, den ganzen Winter über keine Ausbrüche im Freiland festgestellt?

Im Ergebnis hat uns die ganze Diskussion über Zugvögel als mögliche Ausbreitungsvektoren der Geflügelpest bereits viel Zeit gekostet. Sie hat in der Bevölkerung eine völlig irrationale Panik hervorgerufen.

Sie hat zu einer negativen Haltung den Wildvögeln gegenüber geführt. Die Maßnahmen gegen den Eintrag der Seuche durch Zugvögel hat die Kleintierhaltung und die tierschutzgerechte Geflügelhaltung in die Enge gedrängt. Es ist ein Zynismus, dass die Massentierhaltung, die für das Entstehen und die Ausbreitung HPAI vermutlich verantwortlich ist, nun noch dadurch profitiert, dass die Konkurrenz beseitigt wird.

Und die Beschuldigung der Zugvögel hat von den viel wahrscheinlicheren Übertragungswegen und den wichtigen Frage abgelenkt: Auf welche Weise ist das Virus in die Landschaft eingebracht worden? Welche Transporte von Geflügel- oder Geflügelprodukten sind hierfür verantwortlich? Die Beschlagnahme von 55 Tonnen Geflügelfleisch aus China in Antwerpen Mitte Januar ist nur ein Schlaglicht auf mögliche Handelswege (weitere Hinweise zur möglichen Verbreitung durch Aquakulturen auch nach Europa siehe Feare 2006).

Klemens Steiof

Chen, H. et al. (2006): Establishment of multiple sublineages of H5N1 influenza virus in Asia: Implications for pandemic control. – PNAS 103 (8): 2845-2850. www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0511120103
Feare, C.J. (2006): Fish farming and the risk of spread of avian influenza.

www.birdlife.org/action/science/species/avian_flu/index.html
Gilbert, M. (2006): Free-grazing Ducks and Highly Pathogenic Avian Influenza, Thailand. – Emerging Infectious Diseases 12 (2): 227-234. www.cdc.gov/eid

Hulse-Post, D.J. (2005): Role of deomestic ducks in the propagation and biological evolution of highly pathogenic H5N1 influenza viruses in Asia. – PNAS 102 (30): 10682-10687.

www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0504662102
Kou, Z. et al. (2005): New Genotype of Avian Influenza H5N1 Viruses Isolated from Tree Sparrows in China. – Journal of Virology, Dec. 2005: 15460-15466.

Spiegel online (9.3.2006): Zugvögel greaten starker unter Verdacht. www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,405172,00.html
Sturm-Ramirez, K.M. (2005): Are Ducks Contributing to the Endemicity of Highly Pathogenic H5N1 Influenza Virus in Asia? – Journal of Virology, Sept. 2005: 11269-11279.