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P R E S S E M I T T E I L U N G


Geflügelpest: Virus-Detektiven auf der Spur

Das NDR-Fernsehen hat gestern ein Interview mit Dr. Johan Mooij, Vorstandsmitglied des Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI), ausgestrahlt. Der Biologe fordert darin als Maßnahme gegen die weitere Ausbreitung der Geflügelpest einen Stopp des weltweiten Geflügelhandels und ein Ende der Massentierhaltung.

Anlass des Interviews war die Auseinandersetzung um die Frage, wie Geflügelpest-Viren verbreitet werden. Diese Auseinandersetzung hatte das WAI durch einen offenen Brief angeregt. (siehe  www.wai.netzwerk-phoenix.net)

Im Gegensatz zum WAI geht das an den epidemiologischen Untersuchungen beteiligte Friedrich-Löffler-Institut (FLI) davon aus, dass wahrscheinlich Wildvögel das zuerst in Asien aufgetretene  hoch pathogene aviäre Influenza-Virus H5N8 in Europa verbreitet haben.

Der Vorstand des WAI stellt hierzu fest: Es gibt Indizien für eine Ausbreitung der H5N8-Geflügelpestviren durch Handel mit Geflügel oder Geflügelprodukten, aber keinerlei Hinweise auf eine Beteiligung von Wildvögeln am Seuchengeschehen.
Mit seiner öffentlich gemachten Angabe zur wahrscheinlichen Übertragung durch Wildvögel befindet sich das FLI nicht nur im Widerstreit mit dem Stand der Forschung zur Wahrscheinlichkeit verschiedener Übertragungswege, sondern auch mit seiner eigenen Erkenntnis. Das FLI hat im aktuellen Zusammenhang ausdrücklich gesagt, dass die hoch pathogene Form des aviären Influenza-Virus H5N8 in Asien entstanden ist und sich von dort aus verbreitet hat. In einer Broschüre über hoch pathogene aviäre Influenza schreibt das FLI: "Die Verbreitung auf andere Bestände erfolgt durch den Tierhandel oder indirekt durch kontaminierte (verunreinigte) Fahrzeuge, Personen, Geräte, Verpackungsmaterial oder Ähnliches.“


Bezogen auf die aktuellen H5N8-Nachweise
stellt der Vorstand des WAI fest:

  1. Seit dem 4.11.2014 sind nacheinander an drei Orten in Europa hochpathogene aviäre Influenza-Viren vom Subtyp H5N8 in Geflügelbeständen nachgewiesen worden: Heinrichswalde (Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland); Hekendorp (Utrecht, Niederlande); Driffield (England, UK)
  2. Die betroffene Entenfarm in Driffield gehört zu dem Unternehmen Cherry Valley Farms Ltd. Dieses hat nach eigenen Angaben enge Handelsbeziehungen zu Enten-Farmen im H5N8-Epidemie-Gebiet Süd-Korea.*
  3. In Deutschland besitzt Cherry Valley Farms Ltd. eine Entenfarm in Wriezen (Brandenburg).
  4. Cherry Valley Farms Ltd. überprüft aktuell die eigenen Entenfarmen auf noch unentdeckte Vorkommen von H5N8, weil damit infizierte Enten häufig ohne sichtbare Symptome bleiben.**
  5. Die kürzeste Straßen-Route zwischen der betroffenen Entenfarm in Driffield und der Cherry-Valley-Entenfarm in Wriezen führt unmittelbar an dem Ort Hekendorp (Utrecht, NL) vorbei, wo sich der dritte H5N8-Ausbruch ereignet hat.
  6. Zwischen Ostasien und Deutschland wurden bisher keine hochpathogenen H5N8-Influenzaviren nachgewiesen, weder in Geflügel, noch in Wildvögeln. Auch das Wildvogelmonitoring in Europa hat keinen Hinweis auf eine Existenz dieser Viren unter Wildvögeln ergeben.
  7. In der Tundra, dem vom FLI in dem NDR-Bericht genannten Gebiet, wo verschiedene Zugvogel-Routen zusammentreffen, und es angeblich zum Austausch von hoch pathogenen aviären Influenza-Viren zwischen Wildvögeln aus Asien und solchen mit Destination Europa gekommen sein kann, wurden seit 2006 Wildvögel und Rastplätze beprobt. Auftraggeber für diese Untersuchungen waren u.a. das FLI und die Universität Rotterdam. Zeitweise an den Beprobungen Beteiligte haben dem WAI mitgeteilt, dass in keiner von 10.000 Proben ein hoch pathogenes aviäres Influenza-Virus nachgewiesen wurde. Sicherlich sind dort mehr Proben genommen worden. Das WAI hat hierzu keine Publikation des FLI oder der Universität Rotterdam finden können.


Daraus leitet das WAI folgende Fragen ab:

  1. Welche Rolle spielen die Handelskontakte zwischen Cherry Valley Farms Ltd. und dem südkoreanischen Ausbruchsgebiet bei der Einschleppung der H5N8-Viren nach Europa?
  2. Wurden die Enten-Bestände in Wriezen (Brandenburg), die zu Cherry Valley Farms Ltd. gehören, auf H5N8-Viren untersucht? Mit welchem Ergebnis?
  3. Wurde untersucht, ob die Geflügel-Betriebe in Wriezen und Heinrichswalde gemeinsame Einrichtungen (z.B. Schlachthöfe) nutzen oder genutzt haben, über die eine Verbreitung der H5N8-Viren möglich wäre? Mit welchem Ergebnis?
  4. Wurde untersucht, ob und ggfs. wann und wie oft es Transporte zwischen den Geflügelbetrieben in Driffield, Wriezen und Heinrichswalde gegeben hat, die an Hekendorp vorbeiführten? Welche epidemiologische Bedeutung wird ihnen beigemessen?
  5. Welches Ergebnis haben u.a. vom FLI beauftragte Untersuchungen zum Vorkommen von aviären Influenza-Viren bei Wildvögeln oder an deren Rastplätzen in der Tundra – dem Gebiet, wo sich nach Angaben des FLI die Zugvögelrouten treffen -  und wo sind diese publiziert?
  6. Was hat das FLI dazu bewogen, vor Abschluss der epidemiologischen Untersuchungen über die Rolle von Wildvögeln als Viren-Verbreiter zu spekulieren?

 

*www.cherryvalley.uk.com/index.php/ducksinternational (siehe Ausg. 2010, S. 2)
**www.gov.uk/government/organisations/department-for-environment-food-rural-affairs.