Chronik der H5N8-Ausbrüche 2016

(Ebenfalls als PDF zum direkten Download verfügbar)

 

WAI-Chronik 2016: Das Auftreten von HPAI H5N8 (Aktualisierte Fassung, Stand: 30.11.2016)

 

1       Aktuelle H5N8-Meldungen weltweit

 

Die zunehmende Globalisierung der Geflügelmärkte erhöht das Risiko, dass gefährliche Krankheitserreger über Kontinente hinweg verbreitet werden. Die immer häufiger auftretenden Ausbrüche von Geflügelpestviren (Aviäre Influenza, HPAI) sind nicht zuletzt auf den intensiveren Handelsverkehr mit Ost-Asien zurückzuführen. Seit Oktober 2016 ist erneut eine Variante des H5N8-Influenza Subtyps nach Europa eingeschleppt worden. Verschiedene Varianten dieses Subtyps haben seit 2014 verheerende Ausbruchserien in Geflügelbeständen verursacht. Immer wieder wurden dabei auch Wildvögel betroffen, vor allem Wasservögel an ihren Rastplätzen.

Die Folgen für Wasservögel sind im allgemeinen weniger katastrophal als für Geflügelbestände, und die Verluste liegen erfahrungsgemäß im niedrigen Prozentbereich von Rastvogelbeständen (z.B. Mooij 2007); zudem verschwinden die Viren im Freiland nach wenigen Wochen. Zu einer anhaltenden Zirkulation kommt es nachweislich nicht, wie schon lange bekannt ist (zusammengefasst in Steiof et al. 2015). Erst kürzlich haben unabhängig voneinander niederländische und nordamerikanische Virologen und Veterinäre anhand der H5N8-Ausbrüche 2014/15 diese Tatsache bestätigt (Krauss et al. 2016, Poen et al. 2016).

Im Folgenden versuchen wir, die aktuellen Ausbrüche in ihrer zeitlichen Abfolge darzustellen und die Zusammenhänge zu analysieren, soweit es die Datenlage zulässt. Dazu nutzen wir alle verfügbaren Informationen, insbesondere die Berichte der OIE (World Organisation for Animal Health, Paris; 2016), des Friedrich-Loeffler-Instituts (z.B. FLI 2016a, b, c) und der zuständigen Länderbehörden in Deutschland und den Nachbarländern, der Internet-Seite GISAID und Presseberichte. Nicht zuletzt stützen wir uns auf unsere Erfahrungen bei der Analyse von Geflügelpestausbrüchen seit 2005. Dennoch fehlen noch wichtige Informationen. Die Interpretation kann zum jetzigen Zeitpunkt nur vorläufig sein.

Berücksichtigt wird auch das "TierseuchenInformationsSystem TSIS" des FLI, in der die Nachweise von Aviärer Influenza aus diesem Jahr zusammengestellt sind. Diese Datenbank ist allerdings wenig informativ, teilweise sogar irreführend, weil dort hoch- und niedrig-pathogene Influenzaviren nicht getrennt werden, ebenso wenig Geflügel, Park- und Zootiere und Wildvögel. Die betroffene Tierart ist nur ausnahmsweise zu erkennen und das angegebene Datum bezieht sich auf den Zeitpunkt des Labornachweises, und ist damit epidemiologisch weitgehend irrelevant. Für eine wissenschaftlich seriöse epidemiologische Datensammlung müssten folgende Details angegeben werden:

Genaue Artangabe, Haltungsart (kommerzielles Geflügel, privat gehaltenes Geflügel, Park- und Zoovögel, wildlebende Vögel, etc.), Einzelfund oder Stichprobe aus einer Gruppe?, Datum der Entdeckung, Fundort. Soweit bisher erkennbar ist, findet in Deutschland eine umfassende, wissenschaftlich seriöse epidemiologische Untersuchung der Fälle derzeit nicht statt

Wenn im Folgenden verkürzt von "H5N8" die Rede ist, ist immer das "Hochpathogene Aviäre Influenzavirus vom Subtyp H5N8" gemeint, konkret in der Variante, die seit dem Herbst 2016 in Europa nachgewiesen wurde.

Die frühere H5N8-Ausbruchsserie im Winter 2014/2015 und ihr Ursprung im Geflügelhandel wird in einem separaten Dokument ausführlich analysiert. Hier wird deswegen nur darauf Bezug genommen, ohne die Schlussfolgerungen im Einzelnen zu erläutern.

 

Rückblick: H5N8-Ausbrüche 2014/15 – beendet in Europa und Nordamerika, nicht in Asien?

Es gab 2014 / 2015 eine Serie von Ausbrüchen von H5N8-Geflügelpestviren in kommerziellen Massentierhaltungen in mehreren europäischen Ländern, eingeschleppt durch Geflügelhandel aus Süd-Korea. Die damaligen (europäischen) H5N8-Viren wurden seit dem Frühjahr 2015 weltweit nicht mehr nachgewiesen. Die aktuellen (2016) Nachweise von H5N8 in Ungarn und Deutschland sowie den Nachbarstaaten stellen eine neue Einschleppung einer verwandten H5N8-Virenlinie aus Ost-Asien dar, wie sich anhand genetischer Vergleiche zeigen lässt (GISAID; FLI 2016b).

Nach Nordamerika wurde später im Jahr 2014 eine ähnliche Variante von H5N8 eingeschleppt, die sich dort durch Rekombination in neue Subtypen verwandelte, die insbesondere als H5N2 schwere Schäden in der Geflügelindustrie verursachten. In Nordamerika wurden 2016 keine H5N8-Fälle mehr bekannt (OIE).

In Asien gab es 2016 Ausbrüche von H5N8 in Geflügelfarmen in Süd-Korea und Taiwan, die die Ausbruchsserien seit 2014 fortsetzen, außerdem einen Fall mit mehreren Wildvögeln im Grenzgebiet Russland/Mongolei, mehrere Ausbrüche in Indien, sowie einen isolierten Ausbruch in Nord-Israel. Ob die dort nachgewiesenen H5N8-Viren mit den in Europa entdeckten verwandt sind und welche Zusammenhänge bestehen ist noch völlig unbekannt.

 

Warnsignale wieder einmal falsch interpretiert: der Ubsu-Nur-See

Es ist bemerkenswert, dass die Monitoringprogramme, die als "Frühwarnsystem" das Auftauchen von gefährlichen Viren unter Wildvögeln erkennen sollen, 2016 wie schon 2014 komplett nutzlos waren. Das ist nicht überraschend, da sie offenbar nur auf eine Einschleppung von Viren durch infizierte Zugvögel, nicht aber durch Geflügelhandel ausgerichtet sind und damit die tatsächlichen Risiken nicht "auf dem Radar" haben. So konnten sie die Einschleppung der H5N8-Viren nicht bemerken.

Dabei gab es tatsächlich ein Warnsignal, das durchaus bemerkt, aber wieder einmal falsch interpretiert worden war: Der Nachweis einer neuen Variante von H5N8-Viren unter fischfressenden Wasservögeln an einem abgelegenen See (Ubsu-Nur) zwischen Russland und der Mongolei im Mai 2016. Diese Variante stammt eindeutig von H5N8-Viren ab, die seit 2010 wiederholt im Osten Chinas in Geflügel (meist Hausenten und -gänsen) nachgewiesen wurden. Dies waren die Vorläufer der Viren, die 2014 um die halbe Welt verbreitet wurden und verheerende Schäden in der Geflügelwirtschaft in mehreren Ländern anrichteten. Dass sich erneut eine Variante dieser Viren aus den chinesischen Geflügelbeständen heraus verbreiten und in Nahrungsnetze im Freiland eindringen konnte, hätte zu einer intensiveren Kontrolle der riskanten Handelsbeziehungen (Geflügel, Futtermittel, usw.) und zu einer verstärkten Beobachtung der heimischen Geflügelindustrie führen müssen.

Stattdessen wird dieser Fall bis heute vom FLI als „Beweis“ für eine angebliche asymptomatische Zirkulation von H5N8-Viren unter (gesunden) Wildvögeln missverstanden. Diese Hypothese würde allerdings voraussetzen, dass die Vögel vor der Probenahme noch lebend und gesund waren, wie das FLI behauptet (FLI 2016a). Nach Darstellung des FLI waren sie für das Monitoring geschossen worden.

Andere Quellen zu der Probenahme, einschließlich der russischen Originalveröffentlichung (Anon. 2016, DEFRA 2016), belegen aber eindeutig, dass die beprobten Vögel bereits tot aufgefunden wurden. Dies geht sogar aus der Beschreibung der Gensequenzen hervor, die in der Internetseite GISAID zu finden ist: Gesundheitszustand: tot ("health status: dead"). Eine Quelle für die Behauptung des FLI, die Vögel seien "gesund erlegt" worden, ist dagegen nicht zu finden.

Zudem sind diese Viren in Russland/Mongolei eindeutig NICHT Vorläufer der jetzt in Europa verbreiteten H5N8-Viren, da sie mehrere Mutationen aufweisen, die weder frühere Viren dieses Subtyps hatten noch die aktuellen Viren. Sie können als "Geschwisterviren" angesehen werden.

 

Indien - Israel - Iran - vereinzelte Ausbrüche; Zusammenhänge noch unklar

Aus diesen drei asiatischen Ländern wurden im Herbst 2016 Ausbrüche von H5N8 in kommerziellen Geflügelhaltungen gemeldet. Es gibt aber bis heute keine veröffentlichten genetischen Analysen der Viren, so dass die Zusammenhänge zwischen diesen Fällen und mit dem Geschehen in Europa noch völlig unbekannt sind.

In allen drei Ländern sind große Geflügel-Massentierhaltungen betroffen (Hausenten in Indien, Hühner in Israel und Iran). In Indien wurden auch freilebende Parkvögel infiziert. Nach einer Information der indischen Regierung wurde das H5N8-Virus auch in Hausenten in einem Restaurant nachgewiesen. Danach wurde bisher nur ein weiterer Ausbruch bekannt. Geflügelhandel zwischen Indien und Europa scheint es laut UN Handelsstatistik (COMTRADE) praktisch nicht zu geben, doch sind in Indien auch deutsche Geflügelkonzerne vertreten.

In Israel wurden keine infizierten Wildvögel gefunden. Als Einschleppungsweg kommt in erster Linie Geflügelhandel in Frage. Israel betreibt Geflügelhandel u.a. mit Ungarn und Deutschland. So war Deutschland in der ersten Hälfte 2016 der zweitgrößte Exporteur von Eintagsküken nach Israel (nach dem Vereinigten Königreich); seinerseits ist Israel einer von nur drei Staaten, die Puten nach Ungarn exportieren (neben Frankreich und Österreich), allerdings in geringer Menge (Daten laut UN Handelsstatistik COMTRADE). Welche Bedeutung diese Beziehungen im Geflügelhandel für die Ausbreitung der Viren konkret haben ist noch völlig offen.

Zuletzt wurden am 14.11. und 22.11.2016 H5N8-Viren in drei Massentierhaltungen in der Umgebung von Teheran im Iran entdeckt. Wildvögel waren auch dort nicht betroffen. Nach dem Ende des Wirtschafts-Embargos gegen den Iran haben vor allem europäische Länder den Geflügelhandel mit dem Iran wieder aufgenommen. U.a. liefern Groß-Britannien, die Niederlande, Italien und Deutschland Eintagsküken dorthin (2016). Ein von der aktuellen Ausbruchsserie in Deutschland betroffener Geflügelkonzern ist im Iran ebenfalls vertreten. Auf welchem Weg die H5N8-Viren in den Iran eingeschleppt wurden und ob überhaupt ein Zusammenhang mit den Fällen in Europa besteht ist jedoch noch völlig offen.

 

Entdeckung

Meldung

Ort

Art des Ausbruchs

23.03.16

27.03.16 (OIE)

Süd-Korea, Gyeonggi-Do

Hausenten, 10.907, 20 tot. Es besteht kein Zusammenhang mit den europäischen Fällen.

05.04.16

07.09.16 (OIE)

Süd-Korea, Gyeonggi-Do

Kleinhaltung: 49 Enten und Hühner, keine tot. Es besteht kein Zusammenhang mit den europäischen Fällen.

03.07.16

22.07.16 (OIE)

Taiwan

Taiwan erlebt seit 2015 eine beispiellose Ausbruchsserie von H5-Viren v.a. in Gänsefarmen. Möglicherweise wurden die Viren mit Futtermittel eingeschleppt. Der letzte Aus­bruch wurde im Juli 2016 entdeckt. Die Viren dort haben denselben Ursprung wie die aktuell in Europa verbreiteten, sind aber eine unabhängige Linie. Es gibt aber eine große Ähnlichkeit mit H5N8-Viren in Nord­amerika. Die USA sind der wichtigste Handelspartner im Geflügelsektor.

25.05.16 (9.6.16)

23.09.16 (OIE)

Mongolei / Russland, Ubsu-Nur-See

Nachweise bei Geflügelpest-Monitoring: nur Fischfresser (4 Graureiher, 1 Haubentaucher, 4 Kormorane, 1 Fluss-Seeschwalbe, 6 Lachmöwen, 1 Ente).

19.10.16

04.11.16 (OIE)

Indien, Kerala, Thakazhy (nahe der Südspitze Indiens)

79.918 Hausenten, 100 verendet, 14.648 gekeult; Bericht an OIE verschweigt die Geflügelart.

23.10.16

04.11.16 (OIE)

Indien, Kerala, Ramankary

77.848 Hausenten, 15 verendet, 6.483 gekeult; Bericht an OIE verschweigt Geflügelart

23.10.16

09.11.16 (OIE)

Indien, Punjab, Rajpura

Kleinbestand, 10 von 43 Tieren verendet (keine genauen Informationen)

 

Presse-mitteilung

Indien, Neu-Delhi und andere Orte

angeblich mehrere Ausbrüche in Zoos; nicht der OIE gemeldet und anscheinend nicht als H5N8 bestätigt

31.10.16

09.11.16 (OIE)

Indien, Haryana, Hissar, Blue Bird Tourist Complex

958 Parkvögel in einer Touristenanlage, 14 verendet, 944 gekeult.

02.11.16

Presse-mitteilung

Indien, Haryana, Hissar, Blue Bird Tourist Complex

Im Restaurant der Anlage werden nach Regierungs-angaben 2 infizierte Hausenten entdeckt. Unklar bleibt, ob die Ausbrüche in Parks und Zoos eine Folge davon waren, dass mit Viren belastete Hausenten (aus Kerala?) in den Handel gelangt sind. Jedenfalls war nach dieser Entdeckung die Ausbruchsserie in Indien plötzlich zu Ende.

05.11.16

25.11.16 (OIE)

Indien, Karnataka

Geflügel in einem Dorf: 1.593 Vögel, 900 tote

09.11.16

13.11.16

Israel, Yisreel, Kibbutz Heftzibah

Hühnerfarm am Rand von Fischteichen, 34.500 21 Wochen alte Bruthennen in 4 Ställen. Davon 1 Stall mit 5.200 Vögeln betroffen, 1.500 tote.

16.11.16

Presse-mitteilung

Indien, Kerala

Nach offiziellen Angaben ist die Lage unter Kontrolle, nachdem mehr als 500.000 Hausenten getötet wurden oder gestorben waren

14.11.16

21.11.16 (OIE)

Iran, Teheran

2 große Legehennenbestände mit 50.621 bzw. 232.840 Hühnern.

22.11.16

26.11.16 (OIE)

Iran, Teheran

ein weiterer großer Legehennenbestand mit 26.873 Hühnern in derselben Gegend

Achtung: Unter Hausenten können hoch pathogene Influenzaviren lange unauffällig zirkulieren. Wegen dieser Brisanz wird die Geflügelart in diesen Fällen oft geheim gehalten.

 

2       Aktuelle H5N8-Meldungen aus Europa

 

2014–2016: neue Viren, die alten Handelsstrukturen ?

In Europa waren im Jahr 2016 zunächst drei räumlich klar getrennte Regionen betroffen (jeweils 750-1.200 km voneinander entfernt):

     a) Ungarn (und Kroatien, später auch Rumänien)

     b) die westlichen Ostseeanrainer, v.a. Deutschland, randlich Polen und Dänemark. Von hier breiteten sich die Fälle in die Mitte Deutschlands, sowie in die Nachbarländer Niederlande, Frankreich, Schweden und Finnland aus. Die Ausbreitung folgt erkennbar Verkehrsverbindungen (nach Norden, Osten und Westen), nicht jedoch Zugrouten oder -richtungen von Wildvögeln.

     c) der Bodensee (Schweiz, Österreich, Deutschland), später mit Ausbreitung zum Genfer See und nach Bayern, auch hier entlang der wichtigsten Verkehrsachsen nach Osten und Südwesten.

Die aktuelle Ausbruchsserie in Europa scheint räumlich an die letzten Ausbrüche im Spätwinter 2014/2015 anzuknüpfen, genauer an den Ausbruch in Ungarn (dieselbe Provinz!) und die beiden letzten deutschen Ausbrüche in Anklam (Mecklenburg-Vorpommern) – der Ausbruch in Polen liegt auf der östlichen Seite des Stettiner Haffs.

Es könnte zu ähnlichen Verbreitungsmustern bei Ausbrüchen führen, wenn dieselben Einrichtungen der Geflügelwirtschaft betroffen sind. Dies wurde geradezu exemplarisch deutlich, als ein Putenbestand im Landkreis Cloppenburg von einem H5N8-Ausbruch erfasst wurde, der bereits 2014 Opfer der Geflügelpest geworden war. Der Hof liegt in der Nachbarschaft einer Anlage, in der Kadaver aus Geflügelpestausbrüchen entsorgt werden. Dies ist offensichtlich der wichtigste Risikofaktor an diesem Standort.

Darüber hinaus zeichnet sich ab, dass die räumliche Verteilung von Funden infizierter Wildvögel am ehesten durch Kraftfahrzeugverkehr zu erklären ist: Fundorte liegen zu einem großen Teil in unmittelbarer Nähe zu bestimmten Autobahnen bzw. Fernstraßen. Eine mögliche Erklärung hierfür sind Ferntransporte von lebendem Geflügel (z.B. zu Schlachthöfen). Kontaminierte Federn und Staub aus Geflügeltransporten können direkt in Gewässer eingetragen werden oder bei Regen von Fahrbahnoberflächen abgewaschen werden.

 

Die Rolle von Wildvögeln bei der Einschleppung nach Europa

Im Zusammenhang mit den Ausbrüchen in Ungarn wurden nur einzelne tote Höckerschwäne gefunden (1 in Ungarn, 2-10 in Kroatien, 1 in Rumänien), aber keine anderen infizierten Wasservögel. Im übrigen Osteuropa wurden – anders als in Deutschland – keine infizierten Enten gefunden. Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit von Wildvögeln gibt es bis heute aus dieser Region nicht, ebenso wenig aus dem europäischen und asiatischen Russland. Eine Einschleppung der Viren aus dem Osten durch Wildvögel ist daher mit großer Sicherheit ausgeschlossen.

Tatsächlich wurden im Zuge der Verbreitung der Viren nach Nordosten inzwischen auch die Aland-Inseln zwischen Schweden und Finnland von H5N8 erreicht. Möglicherweise spielen dabei Fährverbindungen eine Rolle.

Die weite Verbreitung der Viren im Freiland ist – wieder einmal – in erster Linie ein deutsches Phänomen. In den Nachbarländern blieben die Nachweise zunächst auf die unmittelbare Grenzregion zu Deutschland beschränkt, erst später gab es einzelne Funde in größerer Entfernung. Das liegt offensichtlich NICHT daran, dass in den Nachbarländern nicht auf die Viren geachtet wird – sie wurden dort teilweise schon gefunden, bevor die Ausbrüche in Deutschland bekannt wurden. Es gibt für dieses Muster bisher noch keine eindeutige Erklärung. Eine mögliche Erklärung wäre, dass H5N8-infiziertes Geflügel in Deutschland bereits im Handel ist (aber – vermutlich – nicht in den Nachbarländern).

 

 

2.1       Ausbruchsregion Ungarn / Kroatien

 

Erste Hinweise auf zirkulierende H5N8-Viren gab es durch den Fund eines toten, H5N8-positiven Höckerschwans bereits am 19.10.16 und einen Ausbruch in einem Putenbestand am 1.11.16. Sowohl Schwäne (Parkvögel mit regelmäßigem Kontakt zu und Fütterung durch Menschen!) wie Puten sind bekannt als zuverlässige Indikatoren für eine Zirkulation von Viren in Geflügelbeständen. Höckerschwäne sind häufig Parkvögel mit regelmäßigem Kontakt zu Menschen. Putenbestände sind besonders empfindlich gegen Influenzaviren. Bei beiden Arten werden Todesfälle rasch bemerkt und sollten Anlass für eine Untersuchung der Herkunft der Viren in (weiteren) Geflügelbeständen sein; in Ungarn bestätigte sich dies durch die Entdeckung infizierter Hausenten ab 8.11.2016. Wie lange die Viren in diesen Hausenten-Beständen bereits vorhanden waren, und wann und wie sie (aus China oder Deutschland?) eingeschleppt wurden, ist noch unklar. In Hausentenbeständen können auch hochpathogene H5-Influenzaviren nachweislich monatelang unbemerkt zirkulieren, da sie häufig keine Krankheitssymptome auslösen (Harder et al. 2009). Ob das hier der Fall war ist noch unbekannt – es gibt bisher keine Informationen über den Beginn der Epidemie. Inzwischen ist die Zahl der betroffenen Geflügelbestände auf 14 gestiegen, überwiegend Hausenten.

Anscheinend wurden die H5N8-Viren in Ungarn nur selten außerhalb von Geflügelbeständen freigesetzt, was zur Infektion nur einiger Höckerschwäne führte, die in Ungarn, Kroatien und möglicherweise in Rumänien entdeckt wurden.

 

 

Entdeckung

Meldung

Ort

Art des Ausbruchs

19.10.16

04.11.16

(OIE)

Ungarn, Csongrad, Fehér-tó (Kiskunsag Nationalpark)

1 toter Höckerschwan in einem großen Fischteichkomplex

30.10.16

10.11.16 (OIE)

Kroatien, Vukovar, Cerje

~10 tote Höckerschwäne, 2 getestet: H5N8-positiv. Bis 21.11. keine weiteren Meldungen.

01.11.16

04.11.16 (OIE)

Ungarn, Bekes, Tótkomlós

Putenbestand (10.201 Tiere, 3.774 erkrankt, 2.374 bereits verendet) 118 Tage alte Mastputen.

08.11.16

14.11.16 (OIE)

Ungarn, Bacs-Kiskun, Kiskunmajsa

21.500 Hausenten, 2.400 erkrankt, 500 tot (Rest gekeult)

10.11.16

14.11.16 (OIE)

Ungarn, Bacs-Kiskun, Kisszállás, Bugac & Kelebia

3 weitere Hausentenbestände mit 23.000,  3.400 bzw. 15.000 Tieren

 

 

 

 

13.11.16-18.11.16

23.11.16 (OIE)

Ungarn, Bacs-Kiskun

9 weitere Enten- und Gänsebestände

14.11.16

23.11.16 (OIE)

Ungarn, Bacs-Kiskun

2 weitere Geflügelbestände

23.11.16

29.11.16 (OIE)

Rumänien, Constanta

1 toter Höckerschwan

 

2.2       Ausbruchsregion Norddeutschland / nördliches Mitteleuropa

 

Wenn die H5N8-Viren in Ungarn in Geflügelbeständen bereits seit Mitte Oktober vorhanden waren (wofür vieles spricht), oder sogar noch früher, dann waren in der Zeit bis zur Entdeckung Anfang November Exporte von infiziertem Geflügel möglich. Wenn diese Annahme zutrifft ist zu vermuten, dass verseuchtes Geflügel bereits in den Handel gelangt sein kann. Und eine Häufung von Nachweisen entlang von Fahrstrecken für Geflügeltransport wäre zu erwarten.

Die wichtigsten Importländer für ungarisches Geflügel sind:

                       1. Polen (56 %, möglicherweise mit Weiter-Exporten nach Deutschland?)

                       2. Österreich (27 %)

                       3. Deutschland (16 %)

                       4. Sonstige Länder (Bulgarien, Rumänien, Slowakei & Italien) (1 %)

 (nur Vögel >185 g Gewicht, also keine Eintagsküken; nach Zahlen Januar 2016 bis Juli 2016 aus der UN-Handelsstatistik COMTRADE)

 

Von den drei Hauptimportländern haben drei (also: ALLE) ebenfalls aktuell H5N8-Ausbrüche. Schon auf den ersten Blick zeigt sich, dass sich die Ausbreitung von Geflügelpestviren im Geflügelhandel wiederspiegelt.

LKW-Transporte von infiziertem Geflügel sind immer wieder bei Ausbruchsserien von Geflügelpest­viren als Verursacher der Ausbreitung verdächtig, zuletzt bei der katastrophalen Geflügelpest-Epidemie in Putenfarmen in Nordamerika. LKW-Transporte von der ungarischen Ausbruchsregion nach Norddeutschland würden wahrscheinlich durch Polen nach Stettin fahren und von dort entlang der Küste nach Westen, wenn angenommen wird, dass die langsamen Geflügeltransporter deutsche Autobahnmaut und tschechische Vignetten aus Kostengründen soweit möglich vermeiden. Das könnte erklären, warum die ersten Nachweise im Ostseeraum und die einzigen polnischen Nachweise bis heute (21.11.16) rund um das Stettiner Haff liegen, also im weiteren Umfeld der vermuteten Transportroute.

Wichtige Ergänzung: Weitere Recherchen ergaben inzwischen, dass sich unweit des Sees, an dem in Polen offenbar mehr als 70 tote Reiherenten Ende Oktober gefunden worden waren, ein sehr großer Hühner-Schlachtbetrieb befindet. Ein Bach führt unmittelbar an dieser Einrichtung vorbei und mündet nach wenigen Kilometern in die Oder. Der Schlachtbetrieb mit einer Kapazität von bis zu 65 Mio Hühnern / Jahr gehört zur polnischen Tochterfirma eines großen deutschen Geflügelkonzerns.

Für die räumliche Verteilung der H5N8-Nachweise in Norddeutschland scheinen zwei Faktoren zentrale Bedeutung zu haben:

                       a) die Verteilung rastender Reiherenten,

                       b) die Nähe zu Fahrtrouten zwischen Stettin und Dänemark, abseits der Autobahnen.

Die H5N8-Nachweise ziehen sich entlang dieser Strecke. Die Häufung im Raum Plön ergibt sich fast zwangsläufig dadurch, dass dort sehr große Reiherenten-Rastvorkommen sind und Überlandstraßen unmittelbar an bzw. über die Seen führen. H5N8-HPAI-Viren können dort besonders leicht aus Geflügeltransportern in die Gewässer gelangen.

Dies ist nach dem derzeitigen Kenntnisstand die plausibelste Hypothese. Überprüft werden könnte sie von den Behörden, die insbesondere die Fahrtrouten von Geflügeltransporten aus Ungarn einerseits, und zwischen den regionalen Tierkörper-Beseitigungseinrichtungen und Geflügelhöfen andererseits überprüfen müssten. In der Massentierhaltung stellt das notwendige Einsammeln der täglich anfallenden Tierkadaver durch spezialisierte Unternehmen ein offensichtliches Risiko dar, wenn Geflügelpestausbrüche unentdeckt sind (z.B. unter Hausenten).

Eine mögliche Hypothese zur Häufung der Fälle bei Reiherenten in Schleswig-Holstein wäre, dass ein größerer Rastbestand z.B. durch Abwasser aus Geflügelbetrieben (inkl. Schlachthöfen) infiziert wurde, und die Vögel während der kurzen Inkubationszeit Anfang November in die übliche westliche Zugrichtung losgezogen sind. Sie wären bis in ihre Zielgebiete am Plöner See und Bodensee gekommen und dort schnell an dem Virus verendet (z.B. rund 20.000 am Plöner See). Für diese Hypothese spricht das zeitliche Zusammentreffen der beiden Seuchenausbrüche.

Aktuell (21.11.16) ist eine bemerkenswerte Häufung von Ausbrüchen in kleinen Geflügelbeständen in der weiteren Umgebung des Friedrich-Loeffler-Instituts zu beobachten, für die es keine natürliche Erklärung gibt. Dies könnte ein weiterer Hinweis auf die oben genannten Ausbreitung durch Fahrzeugverkehr sein.

 

Entdeckung

Meldung

Ort

Art des Ausbruchs

28.10.16

07.11.16 (OIE, Presse-meldung)

PL, Zachodnio-Pomorskie, Goleniow, Lubzyna

1. Nachweis im Ostseeraum und in Polen:

5 tote Enten und 1 Möwe H5N8-positiv. Angeblich ~70 tote Vögel gefunden (keine offizielle Bestätigung). Etwa eine Woche vor den nächsten Funden im Raum Plön und am Bodensee. In der Nähe befindet sich ein sehr großer Schlachtbetrieb für Hühner, der zu einem deutschen Geflügelkonzern gehört.

02.11.16

NABU-Mitteilung

DE, Schleswig-Holstein, Plöner Seenplatte

erste Beobachtungen kranker und toter Reiherenten (unbestätigt)

04.11.16 (offiziell: 07.11.16)

09.11.16 (OIE), Presse­meldungen etc.

DE, Schleswig-Holstein, Plöner Seenplatte

1. (offizieller) Nachweis in Deutschland: 58 Reiherenten, 1 Mantelmöwe, 1 Blässhuhn. Insgesamt sollen in den folgenden Tagen >200 tote Reiherenten gefunden worden sein, etwa 1 % des lokalen Rastbestands.

06.11.16

NABU-Mitteilung

DE, Schleswig-Holstein, Plöner Seenplatte

Stichprobenhafte Kontrollen am Seeufer: 80 tote Reiherenten, je 1 Höckerschwan, Blässhuhn, Silber- und Mantelmöwe

08.11.16

11.11.16 (OIE)

DK, Kopenhagen, Christinia

1. Nachweis in Dänemark: 1 Reiherente, tot

08.11.16

08.11.16, Presse-meldungen

DE, Schleswig-Holstein

bisher >150 tote Enten gefunden, nach anderen Quellen >200, Plöner See und andere Fundorte

08.11.16-15.11.16

11.11.16 / 16.11.16 (OIE)

NL, Noord-Holland, Monnickendam, und andere Gebiete

1. Nachweis in den Niederlanden:

8.11.: 3 tote Reiherenten, 2 Haubentaucher

In den folgenden Tagen weitere Funde:

9.11.: 3 Reiherenten

10.11.: 4 nicht identifizierte Enten

11.11.: 7  Möwen (3 Arten), je 1 Reiher-, Krickente & Brandgans

14.11.: 5 Reiherenten, 3 unbest. Enten

09.11.16 (11.11.16)

14.11.16 (OIE, Presse-meldung)

DE, Schleswig-Holstein, Twedt-Grumby

1. Massentierhaltung in Deutschland: 36.000 Hühner, 3.000 tot, die übrigen am 15.11.16 gekeult. Am 14.11. wurden in Baekke bei Kolding (DK) 300.000 Eier aus diesem Betrieb in einer Brüterei (Aviagen, lt. Zeitungsbericht) vernichtet.

09.11.16-19.11.16

11.11.16 (OIE)

DK, Vordingborg, Stege (Insel Moen) und weitere Fundort v.a. im Osten DKs

weitere tote Wasservögel:

9.11.: 10 tote Reiherenten, 1 positiv beprobt

10.11.: 10 Reiherenten, 1 Höckerschwan, 1 Mantelmöwe, 2 nicht identifizierte Möwen

11.11.: 1 Mantelmöwe

14.11.: 2 Reihere., 3 Höckerschwäne. Fundorte ziehen sich auffällig entlang der südöstlichen Küste der dänischen Inseln. In dieser Richtung liegt der spätere Ausbruchsbestand in Schweden (Helsingborg).

09.11.16

11.11.16 (OIE)

DE, Schleswig-Hol­stein, Lübeck-Ivendorf

1. Geflügelbestand in DE: Kleinbestand, 67 Hausenten, 25 Gänse, 18 verendete Puten. Unweit der Fährhafens von Lübeck (u.a. nach Malmö), aber auch unweit der Verbindung nach DK über den Fehmarnsund.

09.11.16

13.11.16 (Presse-mitteilung)

DE, Mecklenburg-Vorpommern, Insel Riems (FLI)

1. Nachweis in MV: 1 tote Reiherente am Friedrich-Loeffler-Institut. In der Folge häufen sich die Nachweise im weiteren Umfeld des FLI, insbesondere auch in kleinen Geflügelbeständen und 2 kleinen Tierparks. Ein Zusammenhang mit Fahrten zwischen FLI und Ausbruchsbeständen erscheint als einzige plausible Erklärung.

09.11.16-12.11.16

15.11.16 / 18.11.16 (OIE)

PL, Zachodnio-Pomorskie, Swinoujscie

weitere Nachweise, mehr als 10 Tage nach dem ersten:

9.11.: 1 tote Silbermöwe

12.11.: 5 unbestimmte Enten

10.11.16

Presse-meldung

DE, Schleswig-Holstein, Schleswig-Flensburg, Schlei

80 tote Reiherenten (unbestätigt)

11.11.16

14.11.16 (OIE)

DE, Mecklenburg-Vorpommern, Mesekenhagen-Frätow

Kleinbestand, 13 Hausenten, 45 Hühner, 32 tot; in Sichtweite des Friedrich-Loeffler-Instituts

11.11.16 -13.11.16

13.11.16 Presse-meldungen etc.

DE, Sachsen, Cospudener See

1. Nachweis in Sachsen:

11.11.: 1 tote Reiherente. Angeblich weitere tote Enten dort; nicht bestätigt.

13.11.: 2 tote Enten

12.11.16

Presse-meldung

DE, Mecklenburg-Vorpommern

weitere Funde infizierter Wildvögel am Schweriner See, Insel Ruden, und in Rostock und einzelne Verdachtsfälle

13.11.16

16.11.16 Presse-meldung

DE, Niedersachsen, Peine, Eixer See

1. Nachweis in Niedersachsen. Unbestimmte Ente. Eutrophierter Kiessee

14.11.16

18.11.16, Presse-meldung

DE, Bremen

1. Nachweis in Bremen: 1 tote Saatgans in Bremerhaven

14.11.16

16.11.16

Presse-meldung

DE, Hessen, Waldeck-Frankenberg

1. Nachweis in Hessen: Twistestausee: 1 tote Tafelente

14.11.16

18.11.16 Presse-meldung

DE, NRW. Xanten

1.  Nachweis in NRW: 1 toter Mäusebussard (nach Fotos angeblich ein Sperberweibchen)

16.11.16

Presse-meldung

DE, Mecklenburg-Vorpommern, Barth

Kleinbestand, 40 Hühner, 20 tot

18.11.16

Presse-meldung

DE, NRW Hengsteysee

2. Nachweis in NRW: 1 tote Ente (Art nicht bestimmt?)

18.11.16-20.11.16

18.11.16, Presse-meldungen

DE, Berlin, Baerwaldbrücke, Landwehrkanal

1. Nachweis in Berlin: 1 toter Höckerschwan, in der Folge weitere Funde toter Schwäne in der Stadt. Die wahrscheinlichste Erklärung für Infektionen bei Parkschwänen ist immer ein Kontakt zu Menschen. In dieses Gewässer gelangen Abfälle von einem großen Markt. Der Fund ist daher ein weiterer Hinweis dafür, dass das Virus bereits im Handel ist.

18.11.16-22.11.16

Presse-meldung

DE, Schleswig-Holstein, Dithmarschen, Burg

In 2 Gänsebeständen werden H5-Viren nachgewiesen. Es sind jedoch keine hochpathogenen Viren.

19.11.16

21.11.16 (OIE)

DK, Nordseeland, Ålsgårde

 

1. Geflügelbestand in DK. Hobbyzüchter, 10 von 30 Zuchtenten verendet. Der bislang nördlichste Nachweis. 20 km östl. liegt in Schweden der Legehennenbestand bei Helsingborg und etwas weiter entfernt eine große Brüterei einer schwedischen Tochter eines großen Geflügelkonzerns.

20.11.16?

21.11.16, Presse-meldung

DE, Hamburg, Rothenburgsort (Kaltehofe, Altes Wasserwerk)

3 tote "Wildvögel"

vor 23.11.16

23.11.16, Presse-mitteilungen

Niedersachsen, Cloppenburg, Barßel

Putenfarm mit 16.000 Tieren, bereits 2014 H5N8 betroffen. Insgesamt mehr als 100.000 Puten wurden gekeult. Der plausibelste Risikofaktor bei dieser Farm ist die Nähe zu einem Betrieb, in dem Geflügel aus Ausbrüchen verarbeitet wird. Insbesondere der LKW-Verkehr zu diesem Betrieb könnte zu der Einschleppung geführt haben.

bis 29.11.16

Presse-mitteilungen

 

weiterhin verstreut Funde toter Wasservögel; Ausbrüche u.a. im Harz (ST), sonst nur in Mecklenburg-Vorpommern

 

 

 

2.3       Ausbruchsregion Bodensee / südliches Mitteleuropa

 

Die Situation am Bodensee ist relativ unklar. Die ersten toten Reiherenten am Bodensee wurden offenbar fast zeitgleich mit den ersten toten Reiherenten am Plöner See entdeckt (± 1-2 Tage?) und ziemlich genau eine Woche nach den ersten Funden in Polen. Die größte Zahl toter Wasservögel wurde offenbar in den ersten Tagen entdeckt und ging dann zurück. Das ist durch eine "normale" Ausbreitung ansteckender Viren niemals zu erklären. Es muss für das fast synchrone Erscheinen der Viren eine gemeinsame Ursache, einen gemeinsamen Ursprung geben.

Denkbar wäre eine Infektion der Reiherenten in der Nähe der ungarischen Ausbruchsorte und eine "natürliche" Verbreitung durch Weiterzug nach Westen und Nordwesten. Im November erreichen die Reiherenten-Rastbestände in Mitteleuropa meistens ihren Höhepunkt, was für diese Hypothese spricht. Es spricht allerdings mehr dagegen:

     a) Ein Durchzug von Reiherenten aus Ungarn nach Mitteleuropa ist bisher nicht belegt. Es gibt offenbar keine Ringwiederfunde, die einen Austausch beweisen könnten (Bairlein et al. 2014).

     b) Zwischen der ungarischen Ausbruchregion und den nächstgelegenen Fundorten toter Reiherenten im Westen lagen anfangs mindestens 750 km. Es ist nicht plausibel, dass eine große Zahl infizierter Enten diese Strecke zurücklegen sollte, ohne dass in den Regionen dazwischen wenigstens einzelne Totfunde auffallen.

     c) Erst einige Tage später häuften sich Funde infizierter Wasservögel östlich des Bodensees, anscheinend entlang der Autobahnstrecke Lindau - München - Salzburg, und damit entgegen der Zugrichtung der Wasservögel in dieser Jahreszeit.

Da es aber Indizien dafür gibt, dass die räumliche Verteilung der Fundorte in Norddeutschland primär durch Geflügeltransporte auf Straßen zu erklären ist, dann dürfte eine ähnliche Erklärung auch für den Bodensee gelten.

Bisher gibt es aber keine Hinweise, wohin die vermuteten Geflügeltransporte geführt haben könnten. In unserer Indizienkette ist dies (noch) die größte Lücke. Ein mögliches Ziel für Geflügeltransporte könnte der Flughafen Zürich-Kloten, südlich des Bodensees sein. LKW aus der Bundesrepublik oder Ungarn könnten den Bodensee dann im Osten umfahren. Dies ist bisher nur eine Vermutung.

                                                                                                                         

Entdeckung

Meldung

Ort

Art des Ausbruchs

04.11.16 (05.11.16)

10.11.16 / 16.11.16 (OIE)

CH, Bodensee, Schweiz

1. Nachweis in der Schweiz:

4.11.: 3 Reiherenten; in den folgenden Tagen weitere 15 tote Wasservögel:

7.11.: 5 Reihere.; 9.11.: 5 Reihere.; 11.11.: 1 Reihere.; 12.11.: 2 Enten indet.; 14.11.: 1 Reihere., 1 Haubentaucher

04.11.16-09.11.16

www.themenpark-umwelt.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/10089/  (keine OIE-Meldung bis 22.11.16!)

DE, Bodensee, Baden-Württemberg

Stand am bis 9.11.16:

37 Reiherenten H5N8-positiv, 13 in Untersuchung, 73 Verdachtsfälle.

Gerüchteweise wurde auch über tote Rabenkrähen, Brachvögel und andere Arten in der Presse berichtet.

07.11.16

09.11.16 (OIE)

AU, Bodensee, Österreich, Vorarlberg, Rheindelta

1. Nachweis in Österreich, Wildvögel und Geflügel: 7 Reiher-, 1 Tafelenten, 2 Truthühner (irrtümlich als Perlhühner "Numididae" gemeldet). Laut Zeitungs­bericht 70-80 tote Wildvögel am Bodensee.

09.11.16

11.11.16 (OIE)

AU, Bodensee, Vorarlberg, Bregenz, Hard im Rheindelta

1. Geflügelbestand: 1150 Freiland-Puten, 250 krank, 70 tot. Bis 21.11.16 der einzige Ausbruch in einem Geflügelbestand außerhalb Deutschlands und Ungarns

09.11.16-15.11.16

16.11.16 (FLI-Karte: FLI 2016c)

DE, Bodensee

Karte zeigt 13 Fundpunkte am Bodensee

11.11.16

Presse-meldungen

AU, Vorarlberg, Möggers

Ein Geflügelbestand wurde zuerst positiv beprobt, dann nach der dritten Probenahme entlastet. Dies belegt, dass "falsch-positive Nachweise" möglich sind. Dass sie entdeckt werden ist im Normalfall unwahrscheinlich. Trotz dieses Irrtums sind die Behörden deswegen für ihr besonnenes Vorgehen zu loben.

10.11.16 -14.11.16

16.11.16 (OIE)

CH, Genfer See

Weiteste Ausbreitung nach W:

10.11.: 1 Reiherente, 1 Lachmöwe;

11.11.: 1 Reiher-, 1 Kolbenente;

14.11.: 2 Reiher-, 1 Tafelente, 1 Lachmöwe

11.11.16

(14.11.16)

15.11.16 Presse-mitteilung

DE, Bayern, Starnberg, Ammersee

1. bayerischer Fall abseits vom Bodensee:

1 tote unbestimmte Seeschwalbe

12.11.16

21.11.16, Presse-mitteilung

DE, Bayern, Nürnberg, Wöhrder See

1 tote Reiherente

13.11.16-14.11.16

16.11.16 (OIE)

CH, Lac de Neuchâtel, Bielersee

weitere Funde schließen die Lücke zwischen Boden- und Genfer See:

13.11. Lac de Neuchâtel: 1 Haubentaucher, 1 Silber-, 1 Lachmöwe, 2 Höckerschwäne,  1 Reiherente

14.11. L.Neuchâtel: 2 Reihere., 1 Silberm.

13.11. Bielersee: 1 Reiherente, 1 Lachmöwe

16.11.16 - 18.11.16

16.11.16 Pressemit-teilung MLR

DE, Bodensee, Baden-Württemberg

Nach Auskunft Landwirtschaftsministerium BW sind bisher am deutschen Bodenseeufer (mit BY?) 209 tote Vögel gefunden worden, von denen 140 H5N8 positiv waren (darunter jetzt auch Rabenkrähen). Das FLI gibt mit Stand 18.11. 148 bestätigte Fälle an.

 

17.11.16, 20.11.16 Presse-meldungen

DE, BY, Chiemsee

10 tote Wasservögel, noch nicht bestätigt, sowie einige Verdachtsfälle im ganzen Land, bisher nicht bestätigt

bis 29.11.16

Presse-meldungen

 

weiter keine Ausbrüche unter Geflügel in Bayern, Baden-Württemberg oder der Schweiz. Vom Bodensee aus breiten sich die Nachweise v.a. nach Osten in Bayern aus. Etwas Ähnliches wird in Baden-Württemberg bemerkenswerterweise nicht beobachtet. Ein weiteres Indiz dafür, dass ziehende Wildvögel keine Rolle bei der Ausbreitung spielen.

 

 

3          Zusammengefasst belegt das aktuelle Seuchengeschehen:

 

1.    Der Hintergrund für die Ausbreitung der Geflügelpest in Deutschland und darüber hinaus in die Nachbarländer ist mit großer Wahrscheinlichkeit Transport von infiziertem Geflügel, vermutlich aus anderen EU-Ländern mit anhaltenden Ausbrüchen in Hausgeflügelbeständen.

2.    Die Zunahme von Fällen in Vogelbeständen, die intensiven Kontakt mit Menschen haben (Tierparks, Streichelzoos, Parkschwäne) lässt befürchten, dass die Viren bereits in der menschlichen Nahrungskette angekommen und möglicherweise schon weit verbreitet sind.

3.    Bei Wasservögeln (wildlebenden und Parkvögeln) kommt es bei Kontakt zu Viren zu einer gesteigerten Mortalität, die zumindest bei größeren Wasservogelbeständen rasch auffällt. Hinweise auf eine Verbreitung der Viren durch "asymptomatisch infizierte" Wasservögel gibt es nicht, entgegen anderslautenden Spekulationen.

4.    Wie sich Wildvögel im Freiland infizieren ist nicht bekannt; jedoch deutet die Tatsache, dass bestimmte Vogelarten deutlich stärker betroffen sind als andere auf eine Aufnahme mit der Nahrung hin.

5.    Was bisher von den offiziellen Untersuchungen zu den Hintergründen der Geflügelpest-Epidemie sichtbar geworden ist lässt befürchten, dass eine wissenschaftlich seriöse, objektive Untersuchung der Ursachen auch in diesem Fall in Deutschland nicht stattfindet.

6.    Die verschiedenen Monitoringprogramme zur Entdeckung von Influenzaviren bei Wildvögeln sind als Frühwarnsystem völlig sinnlos, da die tatsächlichen Einschleppungswege durch Geflügeltransporte dabei nicht beachtet werden.

 

 

Zur weiterführenden Vertiefung empfehlen wir die Publikation von Steiof, Mooij und Petermann aus dem Jahr 2015.

 

Quellen

 

Berichte der OIE zu Tierseuchenausbrüchen:

Süd-Korea

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000020243_20160913_122937.pdf

Taiwan

            www.oie.int/wahis_2/temp/reports/en_fup_0000020501_20160722_115400.pdf

Russland

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000021019_20160923_170534.pdf

Indien

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021439_20161104_124026.pdf

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021461_20161109_124919.pdf

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021467_20161110_134639.pdf

Ungarn

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000021545_20161115_142608.pdf

Kroatien

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021481_20161110_140312.pdf

Polen

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000021547_20161115_180438.pdf

Österreich

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021520_20161114_183519.pdf

Schweiz

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000021550_20161116_153950.pdf

Norddeutschland

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_fup_0000021541_20161115_143437.pdf

Dänemark

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021498_20161114_175418.pdf

Niederlande

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021515_20161114_184036.pdf

Israel

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021531_20161114_185341.pdf

Iran

            www.oie.int/wahis_2/public .. temp reports/en_imm_0000021618_20161121_172417.pdf

 

Anon. (2016): ОпроведенииактивногомониторингагриппаптициньюкаслскойболезнинаозереУбсу-НурРеспубликиТыва.- http://www.fsvps.ru/fsvps/news/17341.html

Bairlein, F., Dierschke, J., Dierschke, V., Salewski, V., Geiter, O., Hüppop, O., Köppen, U., Fiedler, W. (2014); Atlas des Vogelzugs. Ringfunde deutscher Brut- und Gastvögel.- Aula-Verlag, Wiebelsheim, 567 S.

COMTRADE: https://comtrade.un.org/

DEFRA (2016): Preliminary Outbreak Assessment H5 Avian Influenza of high pathogenicity  in  wild birds  in Russia. 27th June 2016.- Ref: VITT/1200 HPAI in Russia https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/534405/poa-avian-flu-russia.pdf

FAO (2016):H5N8 highly pathogenic avian influenza (HPAI) of clade 2.3.4.4 detected through surveillance of wild migratory birds in the Tyva Republic, the Russian Federation – potential for international spread.- EMPRES Watch35, September 2016. Rome

FLI (2016a): Risikoeinschätzung zum Auftreten von  HPAIV H5N8 in Deutschland. Stand 18.11.2016.- https://openagrar.bmel-forschung.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00000758/FLI-Risikoeinschaetzung_HPAIV-H5N8_20161118-2.pdf

FLI (2016b): FAQ Hochpathogene Aviäre Infuenza (HPAI, Geflügelpest, "Vogelgrippe"). Stand 17.11.2016.- https://openagrar.bmel-forschung.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00000733/FLI-Information-FAQ-Gefluegelpest-20161117.pdf

FLI (2016c): Karten zur Klassischen Geflügelpest. Stand 21.11.2016, 12:00 Uhr https://www.fli.de/fileadmin/FLI/Images/Tierseuchengeschehen/H5N8/2016/Map_D_AI_HPAI_2016-11-21_12-00.jpg

GISAID:  http://platform.gisaid.org/epi3/start#36e92a

Harder, T.C., et al. (2009): Highly Pathogenic Avian Influenza Virus (H5N1) in Frozen Duck Carcasses, Germany, 2007.- Emerging Infectious Diseases 15(2): 272-279

Krauss, S., Stallknecht, D.E., Slemons, R.D., Bowman, A.S., Poulson, R.L., Nolting, J.M., Knowles, J.P., Webster, R.G.(2016): The enigma of the apparent disappearance of Eurasian highly pathogenic H5 clade 2.3.4.4 influenza A viruses in North American waterfowl.- Proc. Nat. Acad. Sci. USA 113(32): 9033–9038

Mooij, J. (2007): Vogelgrippe (Klassische Geflügelpest) und Zugvögel: Wie gefährlich ist H5N1?-Charadrius 43(4): 196-217

Poen, M.J., Verhagen, J.H., Manvell, R.J., Brown, I., Bestebroer, T.M., van der Vliet, S., Vuong, O., Scheuer, R.D., van der Jeugd, H.P., Nolet, B.A., Kleyheeg, E., Müskens, G.J.D.M., Majoor, F.A., Grund, C., Fouchier,R.A.M. (2016): Lack of virological and serological evidence for continued circulation of highly pathogenic avian influenza H5N8 virus in wild birds in the Netherlands, 14 November 2014 to 31 January 2016.- Euro Surveill. 21(38): pii=30349. DOI: http://dx.doi.org/10.2807/1560-7917.ES.2016.21.38.30349

Steiof, K., J. Mooij & P. Petermann(2015): Die “Wildvogelthese” zum Auftreten hoch pathogener Vogelgrippeviren – aktueller Stand und kritische Prüfung der Position des Friedrich-Loeffler-Instituts (Stand: Juni 2015). – Vogelwelt 135: 131–145.

TierseuchenInformationsSystem TSIS: http://tsis.fli.bund.de/Reports/Info_SO.aspx?ts=015