Zum Ausbruch der "Klassischen Geflügelpest" ("Vogelgrippe") in Wermsdorf (Sachsen) im April 2006 - ein Erfahrungsbericht

Vortrag von Dr. Rosemarie Heiß, Geflügeltierärztin bei der Eskildsen GmbH
am 09. und 10. Oktober 2006 beim 71. Fachgespräch der DVG der Fachgruppe Geflügelkrankheiten in Hannover

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich wurde von Prof. Neumann gebeten, über meinen direkten Kontakt mit der „Klassischen Geflügelpest“ in Wermsdorf hier zu berichten.

Diesen Bericht widme ich meinem hochverehrten Lehrer
Prof. Dr. Günther Heider, verstorben am 24.08.2006.

Mein direkter Kontakt ergibt sich aus meiner 15-jährigen Tätigkeit als Geflügeltieräztin in den Gänsezucht- und Vermehrungsbetrieben der Eskildsen GmbH, zu der in Deutschland vier Standorte gehören, dazu mehrere Gänsemastbetriebe und ein Schlacht- und Vermarktungsbetrieb.
Außerdem gehören ein großer Bio-Legehennenbetrieb, sowie eine Bio-Putenaufzucht mit mehreren Mastbetrieben zum Unternehmen.

Das Anliegen meines ist Berichtes ist es, einmal wahrheitsgetreu über die Abläufe in Wermsdorf zu sprechen und Sie vielleicht ein bißchen dafür zu sensibilisieren, daß alle theoretische Vertrautheit und Sicherheit, wie Kenntnis der Gesetzeslage, Havarietraining, Probetötungen zwar sehr, sehr wichtig sind, in der Praxis aber ganz schnell in den Hintergrund treten können, wenn der Ernstfall eintritt. Dann spielen vor allem die physische und die psychische Verfassung der beteiligten Partner und Mitarbeiter, die sachliche Kommunikation miteinander und vor allem aber der Mut zur Verantwortungsübernahme die wichtigste Rolle für eine schnelle und erfolgreiche Bekämpfung.

Das ist die wichtigste Erfahrung, die ich in dem Vierwocheneinsatz gemacht habe.

Der Ernstfall ist am 4.April dieses Jahres in Wermsdorf eingetreten.

Wermsdorf ist ein landschaftlich attraktiver Erholungsort, liegt in Westsachsen in den Landkreisen Torgau-Oschatz und Muldental, über die A 13 zu erreichen und jeweils 50 Kilometer von Leipzig und Dresden entfernt.

Der 55 ha große Betrieb liegt im Außenbereich, ist in ein Seengebiet eingebettet und ein traditioneller Wassergeflügelstandort. Bereits 1960 wurden hier Enten auf den Seen gehalten, ab 1972 begann die Ära der Gänsezucht, also schon vor über 30 Jahren. Die Eskildsen GmbH übernahm den Betrieb 1991.

Wegen der allgemeinen Flaute in der Gänsewirtschaft (Billigimporte aus Ungarn und Polen) wurden 2002 Teile der Gänseelterntierhaltung aufgegeben und Ställe für die Bioputenmast eingerichtet.

Am 4.4. waren die folgende Tiere im Betrieb:

* 4700 Zuchtgänse (7 Ställe)
* 8000 Bio-Bronzeputen (Hähne und Hennen, 5 Ställe)
* 3300 Bio-Aufzucht-Junghennen (1 Stall)
* Eintagsgössel, 1. Saisonschlupf (1 Stall)

Die Gänse- und Putenställe bildeten jeweils eine seuchenhygienische Einheit, d.h. strikte personelle Trennung, einschließlich der veterinärmedizinischen Betreuung.

Stellen Sie sich nun vor, sie sind gerade in einem Betrieb und sprechen mit Amtstierärzten über konkrete Seuchenprophylaxe, da bekommen sie eine telefonische Meldung aus einem anderen Betrieb über plötzlich hohe Tierverluste (über 5%) in einem weiblichen Putenbestand, der, amtstierärztlich am Vortag freigegeben, zur Schlachtung verladen werden soll. Bei den zugehörigen männlichen Puten im Nachbarstall sowie in allen anderen Ställen sei alles in Ordnung, keine Tierverluste oder Auffälligkeiten.
Die Verladung war bereits storniert, der zuständige Amtstierarzt informiert und ich hatte 200 km Zeit, mir Gedanken darüber zu machen.

Der betroffene Stall war neu für die Putenhaltung eingerichtet und zum ersten Mal mit ca. 1400 Bronceputenhennen belegt, die nunmehr mit 20 Wochen eigentlich bereits geschlachtet sein sollten.

Zusammen mit Dr.Gorzny, dessen Praxis die Putenbestände tierärztlich betreut, haben wir uns die Tiere angesehen und die folgende Klinik vorgefunden:

- gespenstige Stille !!! für mich das markanteste Merkmal !!
- die meisten Tiere sitzen oder stehen apathisch entlang der Fensterseite des Stalles;
- dazwischen unzählige tote Tiere in Rücken-, Bauch- und Seitenlage;
- keine auffälligen Atemgeräusche, ab und zu ein kurzes Piepsen;
- keine Futter- und Wasseraufnahme;
- ab und zu springt eine Pute auf mit nach hinten geneigtem Kopf, macht einen Flügelschlag und sinkt wieder zusammen, entweder tot, oder bleibt erschöpft liegen;
- bei vielen verendeten Puten liegt erbrochener Futterbrei vor dem Schnabel;
- starke Diarrhoe, glasig, sehr wässrig, mit gelben oder grünlichen Flocken;
- die Zahl der verendeten Tiere betrug jetzt etwa 20%.

Beim Anblick der Tiere habe ich an eine Vergiftung, oder an einen Wasserentzug, oder an Botulismus oder an Cholera gedacht, weil ich solche und ähnliche Krankheitsbilder mit hohen Tierverlusten schon erlebt habe. Geflügelpest hatte ich zwar im Hinterkopf, paßte aber vom klinischen Bild nicht zu meiner Vorstellung. Warum sollte auch nur 1 von 4 dicht beieinander liegenden Ställen, die von der gleichen Person betreut werden, so ein rasantes Tierverlustegeschehen haben? In den anderen Ställen war alles in Ordnung.

Von der Praxis Dr. Gorzny wurde bereits am Vormittag Organmaterial und vom Amtstierarzt 2 verendete Tiere zur LUA geschickt und für den Betrieb gegen Mittag eine Verdachtssperre ausgesprochen.

Ein paar Stunden später hatten wir das vorläufige PCR- Ergebnis:
Influenza-A Virus H5 !, die weitere Abklärung erfolgte über das FLI.

Meine Bitte nach einer umfassenden diagnostischen Abklärung wurde strikt abgelehnt, also keine gründliche pathologisch-anatomische Untersuchung, keine Futter-, Wasser-, Einstreuuntersuchung. Ich mußte mich viel mehr fragen lassen, ob ich studiert habe, um so ein Ansinnen an eine staatliche Einrichtung zu stellen!!! Und jetzt wörtlich: „Kollegin, die Virologie erlebt in der Diagnostik gerade eine Sternstunde!!“ da fiel mir nichts mehr ein.

Für mich waren die klinischen Symptome überhaupt nicht eindeutig für Klassische Geflügelpest, ich kenne sie allerdings auch nur aus Büchern. Das PCR-Ergebnis ergab zwar einen Befund, den ich akzeptierte, der für mich aber nicht zwangsläufig auch die Todesursache sein mußte. Ich wollte 100% wissen, warum nur die Tiere im Stall 7 krank sind und sterben und in den anderen Ställen alles in Ordnung ist. Wir wissen es leider bis heute nicht.
Als Tierarzt habe ich differentialdiagnostisch zu denken und zu handeln gelernt, egal, um welchen Erreger oder welche Krankheit es sich dabei handelt.
Wir haben hier bei dem ersten Auftreten der Aviären Influenza in einem Nutzgeflügelbestand in Wermsdorf eine große Chance vergeben, mehr Kenntnisse über die möglichen Ursachen für solch einen Ausbruch zu erfahren.
Nach Übermittlung des vorläufigen Befundes wurde vom Amtstierarzt die Bestandssperre für den Betrieb Wermsdorf ausgesprochen und die Tötung des Putenbestandes logistisch vorbereitet.
Wir hatten 2 Stunden Hoffnung, daß nur die 8000 Bioputen getötet werden müssen und die wertvollen Gänsezuchttiere, wo die Lege- und Brutsaison in vollem Gang war, verschont bleiben.
Am Abend kam die Weisung der Landestierärztin zur Gesamtbestandstötung.
Fassungslosigkeit bei allen Mitarbeitern und dem Chef.

Ich habe daraufhin beschlossen, in Wermsdorf zu bleiben, da ich vorläufig ohnehin keinen anderen Geflügelbestand besuchen konnte. Aus diesem Entschluß sind dann notwendigerweise fast 4 Wochen geworden.

Im nahegelegenen Gewerbegebiet formierten sich 4 Krisenstäbe, zu denen regional 166 Einsatzkräfte gehörten und dann ging es los:
Feuerwehrsirenen, Polizeisirenen, Krankenwagen mit Sirenen, Notarzt mit Signal, nur das THW kam ohne Sondersignal und da es bereits dunkel war, leuchteten plötzlich unzählige Blitzlichter auf, also das ganze Programm, was man sonst nur aus Filmen kennt. Im Fahrwasser der Einsatzkräfte tauchten unzählige Übertragungswagen und noch mehr Reporter auf. Man konnte sie gut voneinander unterscheiden: die einen waren im Vollschutz, die anderen hatten nur ihre Kamera, ohne jeglichen Hygieneschutz.

Der Betrieb war durch die Polizei ganz schnell abgeriegelt und Feuerwehr und THW bauten in der Nacht die Fahrzeug- und Personenschleusen auf.
Die Telefone klingelten unaufhörlich. Besonders nach den ersten Regionalnachrichten war Wermsdorf für ein paar Tage der Nabel des Medieninteresses, was wir sehr nachteilig zu spüren bekamen. Wir haben uns nicht vor der Geflügelpest, sondern vor den Reportern vermummen müssen, die ohne jeglichen Schutz mit ausgeliehenen Leitern über Zäune stiegen und plötzlich vor uns standen. In zwei Fällen brachten Reporter ihre eigenen Fotoobjekte gleich mit, 1 Bleßhuhn und 1 Schwan, die zum Glück H5N1 negativ waren.

In der Betriebsleitung haben wir beschlossen, daß der Chef sich nur um die Außengeschäfte (Medien, staatliche Organe, u.a.) kümmert und ich mich um alle innerbetrieblichen Belange und das Bindeglied zum Amtstierarzt bin.
Dieser Fahrplan hat sich als optimal erwiesen.
Am Abend erfuhren wir noch, daß die Tötung für den nächsten Morgen organisiert sei, Puten und Hühner mittels Container- CO²- Begasung, Gänse mit einer mobilen Elektrotötungsanlage aus Thüringen. Wir sollten uns nur um ausreichend Personal kümmern. Ein Veto von uns gegen die Anlage aus Thüringen wurde nicht akzeptiert, da es hier bereits langfristige Verträge mit der Landesregierung gab.

Alle Betriebsangehörigen (10 Mitarbeiter, einschließlich Brüterei, Büro und Daunenstube), waren bereit mitzumachen, sie wollten ihre Tiere nicht von Fremden töten lassen. Die Lehrlinge wurden für ein paar Tage beurlaubt.
Die Überraschung kam nächsten Tag (Mittwoch 5.4.2006), als zwei 20 Tonnen-Tanker mit CO²-Gas aufs Gelände fuhren. Die angesagten Container waren nicht dabei, und unsere Ställe für eine Raumbegasung nicht vorbereitet, d.h. nicht abgedichtet.
Die Kraftfahrer hatten lediglich Schläuche, die von uns und nur von uns in die Ställe gebracht werden mußten, das sogenannte Schneerohr, eine Kupferlanzette wurde erst 3 Stunden später durch einen Mitarbeiter geliefert, der uns auch anleiten sollte.
Die Anleitung war insgesamt ein Flopp und hat viel Zeit gekostet. Die Nerven fingen langsam an zu flattern.
Unsere 10 Mitarbeiter, die die getöteten Tiere aus den Ställen holen sollten, warteten seit 6 Stunden auf ihren Einsatz, die Zeit hätten wir besser zum Abdichten der Ställe nutzen können.
Die Landestierärztin erkundigte sich seit dem frühen Morgen aller 2 Stunden nach der Zahl der bereits getöteten Tiere.
Dazwischen erfuhren wir den Endbefund des FLI H5 N1-Virus, Typ Rügen, hochpathogen, nicht über unseren Amtstierarzt, sondern über Medienberichte aus Schleswig-Holstein. Wenn man akzeptiert, daß das FLI dichter an S-H als an Sachsen liegt, ist das verständlich, aber auch nur dann.

Jetzt war Improvisieren angesagt, die übrigen Mitarbeiter der Gasfirma waren dabei sehr kooperativ. Der Produktionsleiter und ich haben gewaltsam Durchlässe in die Stalltüren geschlagen und die Schläuche mit dem angeschraubten Schneerohr im Stall plaziert. Dann wurde der Gashahn aufgedreht und sicherheitshalber ca. 4000 m³ CO² eingeströmt, das dauerte ca. 45 Minuten.
Der Einsatz des vorgeschriebenen CO² - Meßgerätes einer Spezialeinheit der Feuerwehr erwies sich dabei als sehr umständlich und zeitraubend, deshalb verzichteten wir darauf, arbeiteten ohne weiter und ließen die getöteten Tiere bis zum nächsten Tag im Stall.
Beim ersten Stall habe ich die Tiere noch durchs Fenster beobachtet, die reglos stehen blieben, als das Gas kam, nach 2 Minuten war der Stall eingenebelt und ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, bis heute.
Nach Beendigung der Flutung habe ich durch die Stalltür geschaut und gelauscht, wenn alles still war, zogen wir die Schläuche raus und setzten zum nächsten Stall um, usw.. Morgens waren die Gasautos leer und 5 Putenställe und 1 Hühnerstall begast. Es war übrigens günstig, diese Aktion nachts durchzuführen, unbehelligt von den Reportern, da aus den unabgedichteten Ställen weiße Nebelschwaden kamen.

Es war der schlimmste Einsatz während meiner über 30-jährigen Berufszeit.

Als ich morgens am 6.4., vor der Beräumung, mit dem Spezialtrupp der Feuerwehr die Ställe auf Begehbarkeit kontrollierte, gab es die nächste Überraschung. Fast in jedem Stall begrüßten uns 5–10 muntere Puten, sogar im kranken Stall 7, die auf Schnee standen und bereits Löcher in die vereisten Tränken gepickt hatten. In einem Stall waren sogar noch gut
80 % der sehr vitalen Puten wieder auf den Beinen, obwohl wir in diesem Stall wegen der baulichen Gegebenheiten (Gefälle) mehr als die doppelte Menge CO² geflutet hatten.
Bei diesen Puten habe ich mich für unser Tun entschuldigt.
Die Entsorgung der getöteten Tiere aus den Ställen verlief technisch mittels Radlader und Container der TBA ohne Probleme, mental bekamen wir zunehmend Probleme.
Stall für Stall tausende toter Tiere zu entsorgen, die optisch vorher nicht krank waren, das kann man sich nur vorstellen, wenn man es miterlebt hat.

Von der Amtsärztin des Muldentalkreises, die uns vorbildlich während des gesamten Einsatzes betreute, mehrfach auf AI getestet und täglich besucht hat, wurde uns der psycho-soziale Dienst des Kreises angeboten, den wir mehrmals in Anspruch nahmen. Desweiteren haben uns homöopathische Mittel geholfen, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Die prophylaktische Einnahme von Tamiflu haben die meisten abgelehnt, wir sind alle bis zum Ende gesund geblieben.

Vor der Tötung der Gänse hatten wir alle Angst, als die hochgepriesene mobile Elektrotötungsanlage samt Bedienungspersonal aus Thüringen eintraf.
Diese Anlage war bisher nur an Gummihühnchen ausprobiert worden.
Dieser Einsatz forderte mindestens 1 Tag Verzug in der Bekämpfung und ganz, ganz starke Nerven.

In Schlagzeilen:
- 1 Stunde Diskussion, 3 Stunden Aufbau;
- 2 Stunden bis alle Anschlüsse paßten;
- Mobilität der Anlage war nicht gegeben, d.h. Gänse wurden aus 7 Ställen zugetrieben, Gänse aus Stall 16 hatten fast 1 km Fußmarsch. Hier hätte durch den enormen Federnflug eine aktive Seuchenverbreitung stattgefunden, wenn die Gänse infiziert gewesen wären;
- die Einhängebügel waren für große Tiere nicht geeignet, wir brauchten 2 Bügel pro Gans, die dann oft verkanteten;
- die großen Gänse blieben in der Anlage oftmals stecken oder kamen lebend wieder heraus;
- Schutzschalter fielen ständig raus, d.h. dauernd Stillstand;
- nach 5 Stunden probieren, 400 toten Gänsen von fast 5000, und völlig entnervten Mitarbeitern erfolgte der Abruch um 23 Uhr.

Alternativ hatten wir bereits die manuelle Tötung mit Kastrierzangen für den nächsten Tag organisiert. Diese kamen nicht zum Einsatz, die Gänse wurden nach einer neuen Entscheidung in Käfige verladen und auf dem im Sperrgebiet gelegenen Putenschlachthof nicht ganz unproblematisch elektrisch getötet, ebenso die noch ca. 1200 Puten, die die Begasung überstanden hatten und H5N1 positiv waren.

Diese infektionsgefährdende Aktion war dann in der Nacht zum 8.4. beendet.
Insgesamt kann ich zu den Tötungsverfahren einschätzen, daß für infizierte Tiere zur Vermeidung einer Erregerverbreitung und aus Tierschutzgründen nur die Tötung im Stall in Frage kommen kann, natürlich unter besseren Bedingungen als in Wermsdorf. Die anschließende Räumung der Ställe ist viel unproblematischer als mit lebenden, zappelnden Tieren, die aus dem Stall getragen werden müssen, auch steht man zeitlich nicht so unter Druck.
Dazu gibt es bereits sehr gute Unterlagen von Herrn Dr. Bachmeier, die bei der Arbeitsgruppe Tiergesundheit des ZDG vorliegen.
Dieser Arbeitsgruppe möchte ich gern sagen, daß ich es nicht verstehe, warum von ihr keine Hilfe in Wermsdorf angeboten wurde; wir hätten sie mit Sicherheit dringend angenommen.

Bis zum Mittag des 8.4. waren auch die frisch geschlüpften Gössel tot und die Brüterei leergeräumt.
Mit dem Verlassen des letzten TBA-Fahrzeuges am Nachmittag des 8.4. wurden die Desinfektionsschleusen plötzlich abgebaut, für die Krisenstäbe war die Seuche damit vorbei! Für uns noch nicht, es hatte aber den Vorteil, daß auch die Medienvertreter endlich abzogen.
Nach Reklamierung wurden Ersatzschleusen installiert, die wir dann selbst betreuen mußten.

In folgenden Schritten ging bis zur Endabnahme weiter:
Der Mist aus den Ställen wurde innerhalb des Betriebes in 2 Dungmieten gestapelt, mit Brandkalk abgedeckt und eine Ruhelagerzeit von 30 Tagen angeordnet.
Das Futter in den Silos wurde mühsam rausgeholt und über die TBA entsorgt.
Das Stroh aus den Ställen und Mieten wurde von der Feuerwehr in zwei Großeinsätzen verbrannt.
In den nächsten 14 Tagen erfolgte die Großreinigung des Betriebes, mehrmalige Zwischendesinfektionen sowie die Abschlußdesinfektion.
Die Freigabe des Betriebes erfolgte am 28. Mai nach Ablauf der Ruhezeit und Beräumung der Dungmieten und einer nochmaligen Desinfektion.

Die epizootiologischen Untersuchungen wurden sehr akribisch von Kollegen des Friedrich-Loeffler Institutes des Nationalen Referenzlabores für Aviäre Influenza, die mehrere Tage bei uns waren, vorgenommen.
Neben intensiven Personenbefragungen und Betriebsbegehungen waren es vor allem Unterlagen der betrieblichen Ein- und Ausgangsbewegungen, die intensiv studiert wurden und zum Glück vollständig vorgelegt werden konnten.

Das Endergebnis lautet wörtlich:
Als Eintragsursache in den Stallbereich wird nach gegenwärtigem Erkenntnisstand die Einschleppung des H5N1-Virus auf direktem oder indirektem Wege über infizierte Wildvögel angenommen.

Als hypothetische Möglichkeiten werden vom FLI angesehen:
1. Ein positiver Titernachweis, aber negativer Virusbefund von H5 und H3 bei den Zuchtgänsen, untersucht am 2o.März, bei der die Bio-Puten und Aufzuchthühner virologisch und serologisch negativ waren. Die Zuchtgänse hatten einen genehmigten stundenweisen Freigang, hier könnte es zu Wildvogelkontakten gekommen und [das Virus] somit indirekt zu den Puten gelangt sein;
2. die seenahe Lage des Stalles 7 (wobei Stall 8 mit den gleichen Tieren, nur männlich, die gleiche Lage hat und bis zum Schluß H5N1 negativ ist),
3. die angekippten Fenster des Stalles zur Frischluftzufuhr, wo Spatzen reinfliegen könnten,
4. das Einbringen von infiziertern Materialien wie Einstreu und Sand (wobei letztes Einbringen 14 Tage vor dem Auftreten von H5N1 erfolgte), und
5. Übertragung durch infiziertes Schuhwerk von im Gelände abgesetzten infizierten Wildvogelkot.
Eine weitere für mich sehr bedeutende Hypothese, die dichte Lage des Betriebes zu einem sehr großen Putenschlachtbetrieb (Luftlinie ca. 1 km) mit einem über mehrere Länder bestehenden Einzugsbereich und einer meist herrschenden Windrichtung vom Schlachthof zu den Putenställen, bleibt in den Untersuchungsergebnissen des FLI leider unerwähnt.

Wie soll man jetzt als Betrieb mit dem „Vermutungsergebnis“ umgehen?
Positive Wildvogelbefunde gab und gibt es bis jetzt nicht, mit Ausnahme des Jungschwanes im Dresdner Zoo.

Wermsdorf hat den Neustart mit Gänsen gewagt, allerdings mit einer sehr ungewissen Zukunft, denn Dank der „Modernen Tierseuchenbekämpfung“ besteht hier uneingeschränkte Stallpflicht. Von mir gibt es dafür kein Verständnis. Ich weiß, daß widrige Umweltbedingungen für Lebewesen krankheitsfördernd und immunschwächend sind. Was ist, wenn gerade diese Haltung das Ausbreiten der Aviären Influenza fördert, weil harmlose oder schwach pathogene Viren zu hochpathogenen Viren werden? Warum können wir uns nicht ernsthaft über Alternativen verständigen? Wie gefühllos sind wir geworden, daß wir Tiere entgegen ihren Bedürfnissen zwangseinstallen?
Hier geht es um unsere Verantwortung als Tierärzte, nicht jede Keulung, schon gar nicht die gesunder Tiere und nicht jede Stallpflicht machen Sinn.
Tiere sind in erster Linie auch Lebewesen und „Geflügel“ sind auch Tiere.
Ich wünsche niemandem einen Fall Wermsdorf, aber danach denken Sie anders.

Jetzt möchte ich Ihnen gern noch ein paar Bilder zu dem geschilderten Ablauf in Wermsdorf zeigen.

 

Dr. Rosemarie Heiß