Hinweis: Den folgenden Artikel hat Herr Dr. Focke für die tierärztliche Fachzeitschrift „ Vet-Impulse“ geschrieben und dem WAI mit freundlicher Genehmigung zur weiteren Veröffentlichung überlassen.

Herr Dr. Focke ist Mitglied in unserem wissenschaftlichen Beirat und war langjähriger Veterinäramtsleiter in der Region Weser-Ems. In seinem Buch „Tierschutz in Deutschland: Etikettenschwindel ?!“ zeigt er wie kaum ein anderer die Verhältnisse, Defizite und Hintergründe der agrarindustriellen Nutztierhaltung auf.

Die Natur schlägt zurück / Ende der Fahnenstange?



Bis zum 20.12.2008 sind auf Grund amtlicher Anordnung im Landkreis Cloppenburg wegen Auftretens der aviären Influenca in wenigen Tagen mehr als 300.000 Puten sowie 1000 Mastenten getötet worden. Insgesamt waren 20 Betriebe betroffen. Weitere Betriebe befinden sich bis dato noch in der Abklärung. Nach Angaben der zuständigen Behörden sei eine Variante der Gruppe H5 als Ursache der „milden Form der Vogelgrippe“ anzusehen.

Nach Angaben des Kreissprechers A. Meyer mache sich das Landwirtschaftsministerium in Hannover Sorgen, ob die Kapazitäten der Tierkörperbeseitigungsanlagen in Niedersachsen ausreichen würden, wenn sich die Seuche weiter ausbreitet. Es würde als ultimo ratio überlegt, ob die getöteten Tiere in den Ställen kompostiert werden. Das hieße: „ Das Material wird aufgeschichtet, mit Stroh und Folie abgedeckt und dann sich selbst überlassen. Seuchenrechtlich ist das abgeklärt,“ versicherte o.a. Sprecher des Landkreises. Meines Erachtens ist dieses eine Bankrotterklärung für die bundesrepublikanische Tierseuchenbekämpfung.

Nach Auffassung des Unterzeichners sind die Vorfälle im Landkreis Cloppenburg kein bloßer Zufall sondern systemimmanent.

Zu den Gründen:
Seit mehr als 50 Jahren ist in der Wissenschaft folgendes ökologisches Phänomen bekannt. Setzt man z.B. zehn Mäusepaare in einen abgegrenzten Raum, so vermehren sich diese sehr schnell und zwar so lange, bis eine bestimmte Platzdichte erreicht ist. Wird diese erreicht bzw. überschritten, dann sind die weiblichen Tiere nicht mehr konzeptionsbereit, sie werden steril und das Ende der Gruppe ist vorgegeben. Gleichzeitig verschlechtert sich zunehmend der Gesundheitszustand der Gruppe da – durch zahlreiche Tierpassagen bedingt- der Infektionsdruck in der Herde sich ständig verstärkt und zu immer höheren Mortalitätsraten führt.

Der Unterzeichner hat bereits vor mehr als zehn Jahren als damaliger Veterinäramtsleiter wiederholt vor u.a. Mitgliedern des niedersächsischen Geflügelverbandes, Politikern und Behördenvertretern auf die Probleme der agrarindustriellen Intensivtierhaltung hingewiesen. Mein Konzept für ein „Institut für Tiergesundheit im Oldenburger Münsterland“ wurde von den Verantwortlichen ebenso abgeschmettert wie weitere Vorschläge zur Verbesserung von Haltungsbedingungen und seuchenprophylaktischen Maßnahmen.

Mir wurde bedeutet, dass man in der Region über das notwendige Know How verfüge und mit Hilfe entsprechender Medikamente und professionellen Managements die Dinge sicher im Griff habe.

Zu dem so häufig propagiertem Management nur eine Anmerkung:

Im März diesen Jahres legte Frau B. Grabkowsky vom Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten (ISPA) der Universität Vechta entlarvende aktuelle Untersuchungsergebnisse von 221 Geflügelbetreiben aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern vor. Demnach wurden 60 % aller Geflügelställe vor der Neubelegung nicht desinfiziert. 72 % der Hühnermastbetriebe, 75 % der Junghennenbetriebe, 42 % der Putenställe und 66 % der Legehennenbetriebe führten keinerlei Desinfektionsmaßnahmen nach der Ausstallung bzw. vor der Neueinstallung durch. Bei der Einstufung der Betriebe nach Ampelstufen mussten 28 Betriebe (=12,7%) in Risikoklasse 3 (ROT) eingestuft werden. Von diesen hielt nur ein Betrieb weniger als 10.000 Tiere; zwölf hatten bis zu 50.000 Tierplätze; neun zählten mit bis zu 100.000 Tieren zu den mittleren Betrieben, und sechs zu den besonders großen Betrieben mit mehr als 100.000 Tieren.

Ohne Prophet sein zu wollen habe ich Ende der neunziger Jahre prognostiziert, dass in absehbarer Zeit nicht wenige Geflügelställe – vornehmlich Putenställe – leer stehen würden und zu Reit- Tennis- oder Lagerhallen umfunktioniert werden müssten, da eine wirtschaftliche Geflügelmast unter den gegebenen Verhältnissen nicht mehr möglich sein werde. Der in den letzten Jahren enorm angestiegene Infektionsdruck scheint dieses zu bestätigen. Kenner der Szene berichten, dass bei einer Reihe von Betrieben Putenherden nur noch unter enormem Medikamenteneinsatz bzw. mit hohen Mortalitätsraten die Schlachtreife erreichen.

Welch enormen Einfluss die agrarindustrielle Geflügellobby auf die Politik hat, sei mit zwei kurzen Beispielen belegt:

Im Jahr 1998 berief der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister eine Expertenkommission mit dem Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens zum Platzbedarf von Schlachtputen. Die Kommission kam in ihrem Gutachten zu dem Ergebnis, „ dass bei ansonsten optimalen Haltungsbedingungen in der Endmast bei Putenhennen maximal 4,8 Tiere und bei Putenhähnen maximal 2,7 Tiere pro m2. Gerade noch für tolerierbar gehalten werden. Die Geflügellobby interveniert und der Herr Minister erhöhte entgegen dem Expertengutachten in einer Vereinbarung mit dem Nds. Geflügelverband die Belegdichte um fast 20%.

Er befand sich dabei „ in guter Gesellschaft“, denn schon sein Vorgänger im Amt hatte bereits 1997 die Belegdichte entgegen dem Gutachten der von Ihm eingesetzten Expertenkommission von 20 Masthähnchen auf 26 Tiere pro m2 festgesetzt.

Die aufgezeigte Entwicklung in weiten Teilen der Nutztierhaltung ist meines Erachtens auch von uns Tierärzten mit zu verantworten und ich schließe mich dabei persönlich nicht aus. Zu oft haben wir in der Vergangenheit ernstzunehmende Bedenken über Bord geworfen und uns mit z.T. pflaumenweichen offiziellen Erklärungen und Statements im Deutschen Tierärzteblatt zufrieden gegeben.

Auf Grund unseres Berufes sollte primär das Tier im Vordergrund stehen; auch Landwirtschaftliche Nutztiere sind Mitgeschöpfe und Individuen und sollten nicht zu agrarindustrieller Massenware herabgewürdigt werden.

Im § 1 unserer Berufsordnung heißt es: „ Tierärztinnen und Tierärzte sind die berufenen Schützer der Tiere.“ Seien wir uns dessen stets bewusst und werden wir in verstärkten Maße zu Anwälten der geknechteten Tiere.

Hermann Focke

 

Anlage: Fotos der industriellen Putenmast