Aktuelle H5N8-Nachweise in Grenz- und Nachbarregionen der EU und mögliche Verbindungen aus Handelsbeziehungen (Stand: 5.12.2016)

(Ebenfalls als PDF zum direkten Download verfügbar)

Einleitung - Verschleppung von H5N8-Viren über Europa hinaus - welche Erklärungen gibt es?

In den letzten Tagen und Wochen wurden Geflügelpest-H5N8-Ausbrüche in kommerziellen Geflügelfarmen und Funde von H5N8-infizierten, toten Wildvögeln in verschiedenen Ländern außerhalb oder an der Peripherie der EU gemeldet. Vertreter der Wildvogelthese sehen darin einen Beleg für ihre Hypothese, unter Verweis auf den derzeit verstärkt stattfinden Vogelzug. Der angeblich „gerade jetzt verstärkte Vogelzug“ ist dabei eine aus der Luft gegriffene Behauptung ohne Beleg. Tatsächlich sind die Haupt-Vogelzugmonate in der nördlichen Hemisphäre August bis Oktober, wobei einzelne Vogelarten auch im Juli und November ziehen. Wildvogelbewegungen im Winter sind dann Reaktionen auf Kälteeinbrüche, aber kein Vogelzug mehr.

 

Als andere Erklärung für die Verbreitung der Viren kommt vor allem der grenzüberschreitende Geflügelhandel mit seinen Begleiterscheinungen in Frage. Zu den Ursachen für die Verbreitung der Viren schreibt die EU-Kommission (http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32016D2011&from=EN):


"(3) ... In der Folge kann [das Geflügelpestvirus] über den Handel mit lebendem Geflügel oder anderen in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln oder aus ihnen gewonnenen Erzeugnissen ... in andere Mitgliedstaaten oder in Drittländer eingeschleppt werden."

 

Wildvögel erwähnt die EU-Kommission dabei mit keinem Wort.

 

Daher stellt sich die Frage:

 

Findet Geflügelhandel zwischen der Mitte Europas – dem Zentrum der aktuellen H5N8-Ausbrüche – und den Ausbruchsregionen außerhalb statt?

 

Die folgende Auflistung beruht auf den aktuellsten Daten der UN-Handelsstatistik Comtrade (2015, teils 2016), die zugehörige Grafik auf den für 2015 genannten Comtrade-Daten. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Die ausgewählten Zahlen beziehen sich ausschließlich auf den Handel mit Lebend-Geflügel, überwiegend Eintagsküken.

Karte der Geflügelexporte

 

Indien

Seit Oktober 2016 werden Ausbrüche gemeldet, wobei zunächst vor allem Hausentenbestände im Süden (Kerala) betroffen waren, später auch einzelne Zoos, Parks und kleinere Geflügelhaltungen. Inzwischen zeigen genetische Analysen, dass die H5N8-Viren in Indien nicht mit den in Europa grassierenden Viren verwandt sind, sondern aus einer unabhängigen Einschleppung stammen. Die gemeinsamen Vorfahren sind bisher ausschließlich in Ost-China nachgewiesen worden, so dass dort der Ursprung auch dieser Viren vermutet werden muss.

Aus Europa liefert nach der UN-Statistik nur Frankreich größere Mengen Eintagsküken nach Indien (2015: knapp 700.000 Küken).

 

Kroatien / Rumänien / Ukraine

Einzelne Funde infizierter Park- und Wildvögel in diesen Ländern und ein Ausbruch in einer Kleinhaltung in der Ukraine (14.11.16: Nachweis von H5-HPAI, unklar ob es sich um H5N8 handelt) hängen augenscheinlich mit der anhaltenden Ausbruchsserie im benachbarten Ungarn zusammen. Auf eine Analyse des Geflügelhandels mit Mitteleuropa wird deswegen (vorerst) verzichtet.

 

Israel

Ein einziger Ausbruch am 9.11.2016 in einer Hühnerzucht in einem von deutschen und tschechischen Einwanderern 1922 gegründeten Kibbutz. Israel importierte 2015 aus Deutschland knapp über 100.000 Eintagsküken (knapp 37% der Importe von Lebendgeflügel stammen aus Deutschland).

In Israel konzentriert sich der Vogelzug insbesondere von Vögeln, die von Thermik abhängig sind (Greifvögel, Störche). Der Durchzug aus Sibirien beginnt allerdings deutlich früher (ab August/September) und ist bei vielen Arten im November bereits abgeschlossen. Infizierte oder tote Wildvögel mit Verdacht auf Geflügelpest wurden soweit bekannt nicht gefunden.

 

Iran

Am 14.11.16 wurden H5N8-Viren in drei kommerziellen Legehennenbeständen in der Nähe von Teheran nachgewiesen. Der Iran importierte 2015 knapp 200.000 Eintagsküken (Hühner) aus Deutschland. Es ist zu vermuten, dass mit den Mitte Januar endgültig in Kraft getretenen Sanktionslockerungen für den Wirtschaftshandel mit Iran diese Lieferungen eher zugenommen haben.

 

Süd-Russland

Zwei Kleinhaltungen in einem Dorf in der Kalmückensteppe zwischen Kaspisee und Schwarzem Meer waren H5N8 infiziert (7.11.16). Die Nachbarregion Krasnodar ist eines der Zentren der russischen Geflügelindustrie und in der Vergangenheit öfters durch H5N1-Ausbrüche aufgefallen. Russland importierte 2015 mehr als 1,2 Millionen Eintagsküken aus Deutschland (19% sämtlicher Lebend-geflügel-Exporte aus EU-Ländern nach Russland). Für 2016 zeichnet sich eine weitere Zunahme ab.

 

Ägypten

Im Nildelta wurden in der Nähe des Nilarms Damietta zwei tote Blässhühner gefunden und positiv auf H5N8 getestet (24.11.16). Blässhühner sind Brutvögel im Nildelta. In der Nähe (~ 2 km entfernt) befindet sich offenbar eine sehr große Geflügelfarm (36 Ställe mit der typischen Größe von 85 m x 15 m), wie auf Satellitenbildern zu erkennen ist. Genaueres war nicht zu ermitteln.

Ägypten importierte 2015 kein Geflügel aus Deutschland, und nur knapp 60.000 Eintagsküken aus Polen. 2016 stiegen Importe aus der EU erheblich an. Aus EU-Ländern wurden bis Juli 2016 mind. 147 Tonnen Lebendgeflügel nach Ägypten exportiert (v.a. Eintagsküken), überwiegend aus UK (25%), Niederlande (22%), Dänemark (11%), aber auch Ungarn (1%), jedoch nicht aus Deutschland.

 

Tunesien

Im Ichkeul-Nationalpark wurden am 24.11.2016 Blässhühner und Pfeifenten tot gefunden und H5-positiv getestet. Blässhühner brüten dort, Pfeifenten sind ausschließlich Wintergäste. Ob es sich um H5N8 handelt, steht noch nicht fest. Im 10-km-Umkreis um den Fundort existieren 8 Geflügelhaltungen (laut OIE-Meldung). Auf dem Satellitenbild ist nur eine große Farm zu erkennen, die nach einer kommerziellen Geflügelhaltung aussieht. Sie ist abseits der Dörfer an einem Wadi gebaut, der in den Ichkeul-See entwässert. Der Betreiber der Anlage war nicht zu ermitteln. Tunesien importierte 2016 (bis Juli) 14,5 Tonnen Lebendgeflügel aus der EU, davon allerdings nur 1,5 % aus Deutschland.


Gemeinsam ist allen Fällen, dass kommerzielle, große Geflügelhaltungen betroffen waren oder nahe der Fundorte von Wildvögeln zu finden sind und dass Geflügelkonzerne aus Deutschland oder seinen Nachbarländern dort Niederlassungen betreiben oder in diese Länder Geflügel liefern (der überwiegende Teil davon sind Eintagsküken).

 

Die internationale Vernetzung des Geflügelhandels, wie sie oben und in der Grafik an Beispielen dargestellt wird, ist fundamental für das Verständnis der Ausbreitung von Geflügelpest in der Welt. Wer diesen Hintergrund nicht kennt mag die Wildvogelthese für "alternativlos" halten.

 

Weitere Erklärungsmöglichkeiten?

Weitere Wege für eine Verschleppung der Viren von Mitteleuropa in andere Länder sind möglich. So liegen z.B. sowohl in Ägypten als auch in Tunesien die Orte, an denen tote, infizierte Wildvögel gefunden wurden, in der Nähe von Touristenzentren. In Rumänien wurden tote Wildvögel im Hafen von Constanta gefunden. In Berlin wurden tote, infizierte Höckerschwäne in der Innenstadt an einem Markt gefunden, in anderen Städten auch Parkgänse. Dies deutet auf kontaminierte Lebensmittel als Ursache der Infektionen hin (Geflügel, Tiefkühlgeflügel).
 

Comtrade = https://comtrade.un.org/

OIE = Internationale Behörde für Tierseuchen in Paris (http://oie.int/)

HPAI = hochpathogene Aviäre Influenza (= Geflügelpest oder „Vogelgrippe“)

 

(Zusammengestellt von P.Petermann für WAI; 04.12.2016)